R = Ronald Klein
K = Kai-Uwe Kohlschmidt
R: Fang wir mal an, also wenn du magst, würde ich ja gerne mal so ein etwas heikleres Thema ansprechen, nämlich Drogen.
K: (zustimmend) Mhm...
R: So, wenn ich das jetzt so richtig verfolgt habe, spielten die bis zu „Fatalia“ eigentlich keine Rolle, auch wenn man das so denken könnte, textlich. (Kohlschmidt zündet sich eine Zigarette an) Inwieweit war denn das später ein Einfluss, so „Raum aller Dinge“ ist ja schon sehr LSD-mäßig.
K: Also das stimmt, vor „Fatalia“ gab es nur Alkohol, also gekifft haben wir schon, aber wir waren völlig resistent dagegen. Wir haben sogar mal, also zu DDR-Zeit ordentlich mitgepflanzt und eine recht große Sommerernte 89 gehabt, die wir dann rüber nach Westberlin geschleppt haben, als die Mauer dann offen war und da auch gutes Geld mitgemacht. Aber wir haben das kaum geraucht, weil für uns war das eher so eine Friedenspfeife, also wir wurden seltsamerweise nie bekifft von nix. Das kam dann erst richtig später, 97, 98, als ich zum ersten Mal Kiffwirkung gespürt habe. Also man hat immer so mitgeraucht.
Bei der „Fatalia“ war es in der Tat so, dass eine Menge Leute danach kamen und fragten auf welcher Substanz das gemacht wurde und (Pause und überlegt) ich glaube auch erst so 92 habe ich meine erste Line Speed gezogen, also da war die „Fatalia“ schon fertig, erschien da gerade, meine erste Line Speed ..., als das ein Kumpel für mich so aufbereitet hat, habe ich dann zum ersten Mal verstanden, worum es in „Yü Gung“ von den Neubauten überhaupt geht in dem Text. Das hatte für mich immer eine völlig andere Bedeutung. Und dann war das (räuspert sich laut) allerdings eher ein bißchen entzaubert das Stück, weil das davor für mich ein völlig philosophisches Stück war und dann war es plötzlich ein reiner Drogenrausch.
Und wir hatten so ein Freund in Cottbus, der aber dann schon lange in Berlin wohnte, Doktor Meinheid, der dann auch zunehmend mit der Band zu tun hatte, das war ein ziemlich guter Freund von mir, der ziemlich unterwegs war und mit Australiern zusammen wohnte und so eine komplett verdunkelte Bude hatte, wo es überhaupt kein Tageslicht mehr gab, und da auch nur in so einer Welt aus Videos und Speed und LSD lebte. Richtiges Genie, das sich aber völlig verweigerte, seine Fähigkeiten umzusetzen. Also er war eher wie so ein Kritiker, so eine Kritikerinstanz, bei dem man zu allen möglichen Themen Meinungen einholen konnte, eine durch und durch dekadente Person, der das aber feierte, zelebrierte, die Dekadenz und das hat mich sehr angezogen und dessen Empfehlungen bin ich sehr oft gefolgt und als er plötzlich sagte, er könnte sehr günstig LSD besorgen, da frage ich wieviel kostet das und wieviel soll ich jetzt kaufen, naja, der hat ja 100 zu verkaufen und wenn du die 100 kaufst, gibt es die schon für 7, den Trip. Ich hatte damals irgendwie Geld. Da sage ich, da machen wir doch das. Kaufen wir gleich mal 100, denn wenn das so günstig ist. Und dann habe ich 100 Trips gekauft und habe noch in der selben Nacht gleich geschmissen und Doktor Meineid war auch so eine, so eine, wie soll man sagen, so eine Made. Also er hatte selbst oft wenig, aber er hatte die wunderbare Gabe, aus jedem alles herauszuholen. Du hattest immer ein schlechtes Gewissen, kaum dass du fünf Minuten bei ihm anwesend warst, dass du noch nicht losgegangen bist, Schnaps zu kaufen oder dies und das zu besorgen. Er hat das wunderbar verstanden, einen sofort irgend wohin zu schicken, noch etwas zu besorgen. Und in der Nacht, ich hatte noch keine Wohnung in Berlin, haben wir dann eine Wohnung für mich gesucht, er meinte es gibt da genügend freie an der Stralauer Allee. Und das war mein erster LSD-Trip, diese Wohnung aufzubrechen, und als wir dann so ankamen an der Stralauer Allee, ich wußte ja nicht, dass die die Wohnungen zu sind...
R: Weißt du noch, welche Nummer in der Stralauer Allee?
K: Ja, also ich weiß natürlich nicht die Hausnummer, aber ich weiß wo es ist. Ziemlich gleich am Anfang, da wo die große Haupstraße von der Brücke kommt, diesen Knick macht ...
R: ... am Turm ...
K: ... rein, in den Hinterhof rein, so ein Versatzhaus und ich glaube so der erste Hof oder so. Und, jedenfalls kam der LSD-Trip bei mir genau in dem Moment, als ich sah, wie Meineid sich immer wieder gegen diese Wohnungstür warf, weil die war ja zu, um die aufzubrechen. Der flog dann irgendwann nach dem dritten Mal da durch und ich sah den dann schon so ganz seltsam mit dem Holz verschmelzen. Und da merkte ich, irgend etwas ist jetzt anders als das was ich schon kannte. Und die Tür krachte auf und wir waren gleich in so einem großen Wohnzimmer, wo eine gigantische Tapetenwand mit Karibikstrand über die komplette Wand geklebt war. Und das hat derartig geknallt. Also dieses Bild, das war so eine Abendsonne... Das war so der erste Trip. In der Nacht fuhren wir dann noch nach Harmshagen, wo wir oft aufgenommen haben, unser mecklenburgischer Stützpunkt bei den Pingis, zwei reizenden Zwillingen. Und dann hatte ich diese 100 Dinger dabei und bin überhaupt nicht mehr runtergekommen. Und ich habe das dann ständig eingesetzt. Also manchmal waren wir tagelang drauf. Also dann hatten wir auch so viel Freizeit. Also die Artaud-Produktion stand an. Aber die kamen alle nicht, irgendwie verzögerte das sich alles und wir waren da auf dem Bauernhof relativ entrückt der Welt. Konnten diesem Experiment folgen.
R: Also das heißt, es war für euch alle ein Element, nicht nur für dich?
K: Ähm, zu der Zeit, war, also als wir in Harmshagen ankamen, war das für den Rest der Band noch nicht gleich wichtig. Ich glaube Tillmann Fürstenau hat als erster mitgemacht. Aber Chris und Berber; Berber gar nicht, glaube ich. Chris erst ganz viel später. Aber der auch nur einmal richtig. Für den war das nicht die richtige Droge. Aber Arta, die Schauspielerin die war auch schon da; also ein Teil der Band war irgendwie nicht da, verspätete sich wie immer wieder... Hmm, was wollte ich denn erzählen? Ja, aber da war das sehr extrem in Harmshagen. Da kam auch Scheuerecker und wir haben viele Ausflüge an die Ostsee gemacht, so Expeditionen ins Ungewisse oder auf alten NVA-Plätzen rumgestromert. Da gibt es auch einen interessanten Ausflug... Kai Grehn war dabei, der war auch oft mit drauf. Also wir hatten einfach unbegrenzt Drogen und irgendwann hat keiner mehr drüber nachgedacht, so permanenter Film. Und wenn die Gruppe immer zu sehr austickte, wurde Video geguckt. Es gab da so Highlightfilme, die immer wieder geguckt wurden, wie
„Temrock“ oder „Scarface“ oder „Caspar Hauser“ oder „Stroszek“ von Werner Herzog (Lachen von Klein)
R: Wie wirkt denn Stroszek auf LSD?
K: Ähm, es kommt einem völlig vertraut vor. Man verschmilzt sehr mit Stroszek . Also so... (Kohlschmidt lacht) Das ist natürlich sehr infizierend. Also genau wie bei Toni Montana, also bei „Scarface“, da schlüpfst du in die Rollen auf LSD und spielst teilweise mit. Aber wir haben auch Tarkowskij auf LSD geguckt. Da gab es dann auch interessante Erlebnisse.
So ein Ausflug an die Ostsee, irgendwo bei Wismar, und es war Winter, es war kalt, minus fünf Grad und außer Tilli, die das Auto gefahren hat, waren alle drauf und Kai Grehn ist gleich beim Wodkadiebstahl unterwegs schon erwischt worden, vom Detektiv, hat den aber abgeschüttelt, wie so eine lästige Fliege. Und der Detektiv hat auch gemerkt, dass da irgendwie ein Patientenkollektiv unterwegs, hat sich lieber gar nicht erst rangetraut, hat bloß hinterher geguckt.
Und dann sind wir am Wasser lang gelaufen, das war wunderschön, das war mittags rum, vormittags genau. Und da war eine riesige Landzunge aus Sand am Strand, vielleicht so 200 Meter, die umschloß so eine Wasserlache, vielleicht von 30 Meter Breite, es sah so aus, als wenn die ganz hinten wieder an Land schließt. Wir sind also auf diese Landzunge drauf gewatschelt, sandbankähnlich, und dann standen wir plötzlich am Ende und es waren noch 10 Meter zu überbrücken und da war nun Wasser. Aber so missioniert wie wir auf dem Stoff waren, war klar, es gibt kein zurück. Also wir gehen nicht zurück. Aber es war Winter, es war kalt und so haben die Herren, also Kai Grehn,Dr. Meineid und meine Wenigkeit, die beiden Damen, also Tilli und Arta über das Wasser getragen und rein ins Wasser, also so knietief. Und was man nun erwarten würde, ist ja wenigstens ein Schnupfen, weil wir bis zum Abend dann im Armeegebiet rumgetrollt sind oder eine Lungenentzündung oder sonstwas, wenn man mit nassen Füßen den ganzen Tag rumrennt in nassen Schuhen. Aber niemand von uns hat auch nur einen Schnupfen gekriegt, weil wir das völlig ausgeblendet haben. Also nasse Füsse, na und? Das ist unwichtig. Wir suchen jetzt hier nach Dingen. So war das, also das hat man auch erst im Nachhinein bemerkt. Wir haben viel mit Super 8 Kameras gefilmt und Aufzeichnungen gemacht. Also wir haben das immer so ein bißchen kreativ verbunden.
Das hing viel mit Doktor Meineid zusammen, weil der war schon einen Schritt weiter, also der war es auch gewohnt, also auch vier, fünf Tage auf Speed und ohne Schlaf zu vegetieren. Also auch schon völlig gaga und immer Musik rein und der kochte ja auch gerne. Mit dem war ich dann auch oft auf Klautouren, weil der so völlig unbekümmert klaute (lautes Lachen von beiden). Manchmal mit Reisetasche rein den Supermarkt und ich eine Milch und einen Joghurt bezahlt an der Kasse. Und er ist aber auch einmal erwischt worden und es gab eine schöne Szene, wir sind erwischt worden, in einem Supermarkt, der Detektiv, wir waren da mehrmals schon drin gewesen, der hatte uns schon beim letzten Mal auf dem Kicker gehabt. Und dem hat Meineid hatte ja die Reisetasche, mit Kettensäge drin, Grillfleisch, so ein paar Spiele, was weiß ich, Halma, was der alles reingestopft hat. Einen Joghurtbecher hat er noch gehabt und den hat er dem Detektiv so gegen den Latz geklatscht, als der nach ihm griff. Der flatschte so oben so runter und dann hatte Meineid so ein paar Meter Vorsprung und rannte nun mit seinem Ding und der hinterher und noch drei Kassierer rannten mit und ich war irgendwie gar nicht im Schußfeld. Und ich dachte nun, du gehst normal raus, rennst nicht weg und dann sah ich so, wie die rannten und Meineid hatte irgendwie Vorsprung. Dann blieben die alle stehen. Meineid in 300 Meter Entfernung und die in 250 Meter Entfernung und alle so gebückt(Kohlschmidt spielt Keuchen vor) und Meineid sah immer so rüber, ob sie auch wirklich stehenblieben und dann sahen sie mich und dann hatten sie mich gekascht. Und ich habe dann da so erzählt, dass das ein Typ ist, den ich zufällig kennengelernt habe, der sich selbst Schweiner nennt. (beide lachen) Das wurde dann zu Polizeiprotokoll genommen, dass ein gewisser Schweiner zweimal geklaut hat.
R: Was ich auch noch gerne machen würde, also zwar ist das schon immer teilweise so angeklungen, zu den einzelnen Alben einen kleinen Abriß, also so dass wir einfach das Album beschreiben, bißchen Hintergrund und Entstehung und einfach was ist in der Zeit passiert.
K: Aha...
R: Und das machen wir jetzt mal unchronologisch, weil, wo wir bisher am wenigsten drüber gesprochen haben, war die „Born“, also das Minialbum.
K: Ja.
R: Und da fangen wir jetzt einfach mal an.
K: Die „Born“ ist eigentlich eine aufgepumpte Single. Denn als Alfred Hilsberg einstieg, ging es eigentlich von Anfang an darum die „Stachelhaut“ zu machen.
R: Wie ist eigentlich so der Kontakt zu Hilsberg entstanden?
K: Nach „Anschlag“ waren wir so im Niemandsland und kannten niemand und haben so ein paar Anfragen gestartet, wer uns denn haben will und waren aber teilweise auch so herausgebeamt aus dem täglichen Umgang, wer überhaupt eine Plattenfirma ist, wer überhaupt in Frage käme. Wir waren da richtig unfähig. Und haben einfach die gefragt, die wir kannten, ob die uns irgend wohin empfehlen konnten wo die sind und haben dann nur bescheuerte Antworten gekriegt. Blixa Bargeld hat empfohlen, mit Musik einfach aufzuhören ... (Klein pustet empört aus)
R: Dazu kommen wir gleich noch einmal.
K: ... Caspar Brötzmann wollte überhaupt nicht darüber reden: „Ne, lass ma, jetzt nich.“ Und so hatten wir überhaupt keine Ahnung, wohin wir uns wenden sollten und kannten auch niemand und waren überhaupt nicht in der Lage, irgendwo jetzt anzuklopfen. Und dann kam irgendwie, ich kann mich kaum noch erinnern, über den Dirk Juckschert , das ist ein Rostocker Veranstalter gewesen, der das „Mau“ gemacht hat in Rostock, der war ein enger Freund von Alfred Hilsberg, der war auf die Idee gekommen. Ich trage das mal Alfred zu. Der kannte uns natürlich, weil der alle kennt und war dem sehr aufgeschlossen. Und die „Stachelhaut“ war angeplant, aber dann ergab sich plötzlich noch die Idee zum 15. Geburtstag eine Single herauszubringen. Und als die Single dann konzepiert war und umrissen, also was auf dieser Single drauf sein sollte, nämlich dieser Remix von „Born in the GDR“ mit eventuell „Nebel“ noch, auf der anderen Seite, da stellte sich plötzlich heraus, dass der Handel sagte: „Wir nehmen keine Single für den Vertrieb, wir nehmen keine Single von Sandow, tschüss, aus.“ Und „Neue Nebel“ hatten wir schon mit augenommen, weil es fertig war und Alfred rief dann plötzlich an und sagte: „Was machen wir denn jetzt, ihr müsst jetzt irgendwie noch mehr machen, dann können wir vielleicht ein Minialbum machen.“ Und da war aber Tillmann Berg schon im Urlaub, der war schon abgereist, nach Bulgarien gefahren und Chris und Tillmann Fürstenau, die waren noch vier Tage da, als der Anruf kam, dann wollten die auch in Urlaub fahren. Der eine nach Ägypten, der andere nach Sibirien. Also auch so unaufschiebbare Reisen, die fest gebucht waren und mit relativ großen Aufwand und so weiter. Und da habe ich eben gesagt, das war eben so typisch Sandow: „Wenn das jetzt so ist, dann ist das jetzt so, dann müssen wir jetzt irgendwie noch was machen.“ Ich wußte, dass noch diese Anschlag-Ouvertüre rumschmorrte, die auf die „Anschlag“ nicht drauf gepasst hatte, weil die Plattenfirma sich da strikt gegen geweigert hatte, ein Album, wo sie ihr letztes Geld noch einmal rein werfen, mit so einer monströsen Ouvertüre zu beginnen, bevor der Rock losgeht. Da wußte ich, da lagen wir schon bei vier Stücken. Und Alfred meinte, man bräuchte sechs für ein Mini-Album. Und dann hatte ich schon immer eine Idee, so ein Remake von Loo Reeds „Metal Machine“ zu machen. Also Feedback an und das nehmen wir einfach mal auf.
R: Das ist „Bulgarien 1“...
K: Das ist „Bulgarien 1“ geworden und das andere war so ein stilles Stück... (Kohlschmidt überlegt) Ich glaube das ist da schon entstanden, oder gab es das schon eine Woche? Das war irgendwie so ein Gitarrenthema, was ich schon hatte. Ja und das habe ich dann vorgeschlagen, „lasst uns das aufnehmen“ und da gab es dann auch so einen gewissen Automatismus in der Band, also ok. Wir haben keine Zeit, lasst uns das tun. Wir haben einmal geprobt, das war der erste Tag, den nächsten Tag haben wir aufgenommen bei Z.A.P. oder den Tag darauf.
R: Entschuldigung, war das die erste Platte bei Z.A.P.?
K: Ja.
R: Mhmm.
K: Wir kannten uns schon vorher, als er die Live-Aufnahmen von „Flüstern & Schreien 2“ zusammengemischt hatte.
Woran ich mich überhaupt nicht erinnere, aber er beschrieb mich, wie er mich kennenlernte. Als ich da eben Speedy-Gonzales-mäßig bei einer Mischung saß und randvoll mit Chemie. Und wie ich nicht merkte, dass die Snare gar nicht an war, der Regler der Snare gar nicht hochgezogen war und plötzlich Berber ins Studio kam und sagte: „Ich höre die Snare nicht.“ Und ich mich so gelangweilt rumgebeugt habe, so ungefähr: „Ja, mein Gott, wenn du unbedingt eine Snare brauchst.“ Da war wohl so ein Regler wohl noch so unten und den habe ich so hochgeschnippst. „Na jetzt hast du deine Snare, Mann. Gibt es doch gar nicht.“ (Klein lacht höckernd.) So hatte mich ZAP kennengelernt.
R: Und schätzt dich ja heute als einen der ehrlichsten Menschen, die er kennt.
K: Das kann sein, ja...
R: Nee, ist so.
K: ... das war ein Riesenglücksfall für uns mit ZAP. Denn wir hatten uns vorher innerhalb dieser anderen Struktur, also bei Fluxus immer selbst gemischt, weil die Produktion da kein Geld mehr ausgeben wollte für einen Mischer, weil die uns sowieso schon aufgegeben hatten und wir haben die Platten immer, also die „Fatalia“ und die „Anschlag“ leider immer kaputtgemischt. Man versteht den Text zum Teil nichtdie Gitarren sind zu laut...
R: Ok, bei der...
K: ...und die Transparenz fehlt einfach. Also so Stücken wie „Anschlag“ selbst, die hätten einfach viel schöner klingen können.
R: Ok, das stimmt.
K: Also unter ZAPs Hand, bin ich mir sehr sicher, dass die besser geklungen hätten. Und, naja, dann nahmen wir also diese Feedbacks so auf und das geschah auch alles so relative routiniert. Also wie bei Sandow aufgenommen wurde, da wurde immer noch eine Spur und noch eine Spur aufgenommen, lass mal das noch probieren, lass mal das noch probieren. Und dann sind die beiden auch im Urlaub verschwunden und ich hatte wiederum noch eine Nacht, mir einen Text einfallen zu lassen. Bei „Bulgarien“ war es mir klar, das ist auch ohne Text gut. Und das andere brauchte ja definitiv einen Text. Und da war Momo gerade im siebenten Monat schwanger und in Notsituationen habe ich das früher manchmal gemacht, also wenn irgend etwas her musste, dann habe ich den Verbündeten zur Hilfe genommen und habe LSD geschmissen und habe diesen Text geschrieben. Und das...
K: Musa.
R: Ja, und der Text wurde einfach so, wie immer Texte bei mir in Revolversituationen, also eine Revolversituation ist eine Situation, wo man eine Knarre an den Kopf kriegt und jemand sagt: „Schreib! Du hast eine Stunde Zeit. Schreib um dein Leben! Und wenn der Text gut ist, dann hast du Glück. Wenn nicht, dann...“ Also so etwas, was man sich einfach nur wünschen kann, so eine Situation, dass man da unter starken Druck steht. Und dann habe ich diesen Text geschrieben und es kam einfach..., also ich mag diesen Text bis heute sehr, ein ganz gradliniger Text , der genau mit meiner Situation zu tun hatte. Als die Herren aus dem Urlaub zurückkehrten, der erste kam aus Bulgarien wieder, das Stück nannten wir auch so, weil eben in Abwesenheit stattfindend...
R: War das denn Chris?
K: Nee, das war Berber, der zurück kam.
R: Ach so.
K: Der hörte sich das an. Wunderbar. War auch gar nicht..., der wusste ja gar nichts davon, dass wir diese Stücken nachproduzieren müssen, war auch überhaupt nicht sauer, dass jetzt etwas ohne ihn hier auf Platte gerät, oder so. Für den war das völlig normal: „Ist doch gut. Ist doch... Nee, klingt gut das Stück.“
Und so blieb die Platte natürlich durchaus, durch und durch Rumpfstück. Also die Lieder waren so nie zu einander geplant. Ein Kaleidoskop, also jedes Stück macht, macht so eine andere Stärke von Sandow auf, wie so ein Fächer, aber kein echtes ernst zu nehmendes Sandow-Album. Was heißt Album, es ist so ein Fächer von Möglichkeiten. Zumal die Leute sich danach nicht zu Unrecht beschwert haben, dass zwei von sechs Stücken später noch einmal in absolut der selben Form wieder auftauchen. Naja, das ist nicht makellos zu sehen, diese Scheibe. Und die war diesem Geburtstag eben geschuldet.
R: Mhm, wie lange kennt ihr, also Chris und du euch schon?
K: Seit der dritten Klasse. Da sind wir in die selbe Klasse gekommen.
R: Russischschule?
K: Nee, eine normale POS. Da ist eine d-Klasse aufgelöst worden und auf a, b, c verteilt worden.
Kommen wir noch mal, ja zu Blixa Bargeld. Weil du hattest ja gesagt, er meinte zu dir so: „Ja, nee, lass mal Musik sein.“ Wie wichtig war Blixa Bargeld?` Wie war dann die Begegnung und was ist daraus erwachsen?
K: (grübelt) Also es war sehr wichtig, den entdeckt zu haben. Weil das so eine Entdeckung von Verwandschaft war, die mir als so natürlich gegeben war. Also auch Sachen, die ich übernommen habe. Also verschiedene Rhythmisierungen von Sprache, die es teils vorher auch schon gab, aber er manövriert da neu. In der Sprache selbst war ich schon fit, aber wie ich das gesanglich umsetze, war ein neuer Impuls.
Ich hatte ja zu „Stationen einer Sucht“-Zeit noch ein Phase, wo Sprache in der Strophe rhythmisch ist, aber im Refrain englisch melodiös wird. Also auf einem ganz klaren Strophe-Refrein-Muster folgt. Und das bargeldsche Kanonisieren war dann ein Schlüssel, um das endlich aufzubrechen, also diese Struktur, dieser Strukturzwang, Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – C-Teil – noch einmal Refrain. Und ich denke zumindest, dass wenn man den „13. Ton“ hört, dass das nicht nach einer Plagiatsplatte klingt. Zu der Zeit war ein unglücklicher Umstand, dass die eine Scheibe gerade rausbrachten mit einem Monolog am Anfang und wir auch. Das stand bei uns aber schon länger fest, als wir deren Scheibe hätten hören können. Auch unser Stück mit dem Monolog gab es schon 2 Monate eher, als der Neubauten Release.
R: Du sprichst „Gegner Ich“ an.
K: „Gegner Ich“ ist August 89 entstanden. Die „Haus der Lüge“ habe ich im November, beim ersten Westbesuch gehört. Und auch der Produzent, der Westler war, der Jor Mulder , der hätte das ja hören können, wenn irgend etwas aufgefallen ist, was strategisch falsch ist. Aber dem ist das auch überhaupt nicht aufgefallen, dass das jetzt irgendwie zu sehr in der Nähe liegt. Der war auch zu sehr von den Life-Konzerten geprägt. Das war für den etwas völlig Eigenständiges.
Nun ist das aber so, dass was es zu entdecken gibt, überbewertet worden. Also der Einfluß, der auf jeden Fall da war, auf dem ist rumgeritten worden. Aber es gibt noch zig andere Einflüsse in der Musik, also auch auf dem „13. Ton“.
R: Nenne mal ein paar.
K: Dinosaur Jr., obwohl die da schon assimiliert sind, also auf der Stationen einer Sucht noch viel mehr zu hören sind und Sonic Youth so als Gitarreninferno. Und vielleicht noch Caspar Brötzmann so auch Gitarreninferno-Abteilung. Die Doors als Spiritgeber. Viel mehr fällt mir jetzt so im Rückblick nicht ein.
Ja dann, die ersten Begegnungen, ich habe Bargeld ja schon 87 kennengelernt, im Osten, da hatte er gerade ein Hörspiel mit Müller.
R: „Hamletmaschine.“
K: „Hamletmaschine?“ Ne, „Bildbeschreibung“ war es. Und da feierten die in so einem Club.
R: „Franz-Club?“
K: Ne, das war so ein Literaturclub bei der Schwimmhalle um die Ecke, diese, wie heißt das, FEZ. Da gab es früher einen kleinen Literaturclub in der Straße, in so einem Neubau. Und da führte mich Dieter Schumann ein, der da irgendwie Zugang hatte. Da wurden wir einander vorgestellt. Aber Bargeld, der war so auf Speed, der hat überhaupt keinen festgestellt. „Ja, das ist der und so und so, Kai-Uwe Kohlschmidt.“ „Jaaa... Mhmm, jaaaha.“ (Klein lacht hechelnd) Der war ja völlig auf einen anderen Planeten. Und wir wurden so vorgestellt und dann sollte eigentlich so ein Gespräch stattfinden, aber wir hatten beide nichts zu sagen.
Dann haben wir kurz nach der Wende gespielt, im Tempodrom, und da hat Rio Reiser nach uns gespielt. (nachdenklich) Kann man Rio Reiser als Einfluss schon nennen? Also die Scherben auf jeden Fall. Also na klar, die Scherben kenne ich seit Mitte der 80er.
R: Ich würde ja auch so sagen, um noch einmal so Beweihräucherung stattfinden zu lassen, also dass so Sandow und Ton Steine Scherben eigentlich die wichtigsten deutschen Rockbands waren. Also was so...
K: Neubauten auch, finde ich. Also das ist, finde ich, so eine gerade Linie.
R: Mhmm, jaaa...
K: Naja.
R: Also ich finde ja, dass zum Beispiel Blixa Bargeld auf den ersten Platten extrem versucht hat Rio Reiser, also zumindest zu intonieren.
K: Das gibt es auf jeden Fall.
R: (entrüstet) Das ist so krass.
K: Es gibt auch dieses... Kennst du dieses schöne Interview mit ihm, wo er nach Rio Reiser gefragt wird?
R: Nee...
K: Und der furchtbar gestelzt antwortet: (furchtbar gestelzt) „Ich habe zu dieser Zeit, zu jener Zeit durchaus, hin und wieder, rezipiert, was auch möglich, papapa", dann noch zwei, drei Nebensätze hintendran“ Und dann war nach einer Minute dieser furchtbare Satz zu Ende, in dem er sagen wollte, er hat schon mal Rio Reiser gehört. (Klein lacht schäckernd) (wieder furchtbar gestelzt) Und er fand es ganz gut.
Ne, er konnte es nicht so einräumen, dass es doch noch jemand vor ihm gab, aber eigentlich wollte er es doch sagen. Gab schon traditionell noch einen Vorläufer, einen gewissen Urfaust natürlich...
Aber er kam zu diesem Konzert und er kam genau, als wir „Harmonie & Zerstörung“ spielten, das weiß ich auch noch, kam in dieses Zirkuszelt herein marschiert, mit der Döring, die uns ins Herz geschlossen hatte und ihn wahrscheinlich auch schon eher hinbeordert hatte. Und nach unserem Konzert waren noch zwei, drei andere Bands dran bevor Reiser kam, und Blixa Bargeld stand da so am Zaun. So ein bißchen autistisch.
R: Wie immer...
K: Wippte mit dem Oberkörper so vor sich hin und da bin ich dann in die Richtung gelaufen und da kam er dann so auf mich zu und zückte eine Visitenkarte, und der sah damals noch so richtig aus, wie in der „Halber Mensch“-Phase, also so total das aufgeplatzte Sofakissen und Lederzeug...
R: Oder Gummi?
K: Ja, Gummi. Und gab mir eine Visitenkarte und sagte: „Ruf mich mal an, das war ganz gut.“ Und ich sag: „Was machst du denn heute hier?“ (Kohlschmidt imitiert Bargeld) „Ähh, ich komme hier zu Rio Reiser. Der ist sehr wichtig, ein guter Mann. Schau dir den an!“ Ich sage: „Ja, ok. Schau ich mir an.“ Da war er sehr freundlich, aber schon total auf seiner Elfenbeinturm-Nummer drauf, also eigentlich völlig unzugänglich. Und dann hat Rio gespielt, aber hat auch nur ein Lied gespielt und dann hat ihm irgend etwas nicht gepasst und ist abgegangen, von der Bühne. Hat „Junimond“ gespielt, ich glaube, wahrscheinlich war es gerade klar, dass er Aids hat, irgendwie ging nur dieses Lied für seinen Liebhaber und dann war Schluss.
Und dann, das ganze Zelt stand Kopf. Halb Kreuzberg kam um Rio zu sehen und schrie und buhte, und die Toten Hosen haben danach gespielt, Campino ging auf die Bühne und hat ewig das Publikum beschimpft: „Ihr seid alles immer noch stehen gebliebene 68er Penner, ihr stinkt nach Müsli.“ Und hat die richtig rasend gemacht, „Ich kann euch nicht leiden.“ Total punkmäßig...
R: Eigentlich schon richtig cool.
K: Richtig cool abgezogen. „Ihr seid doch alle Rio-Fußabtreter.“ Wenn der nicht will, dann... Er hat die einfach richtig nass gemacht. Hatte seinen totalen Spaß dran und die hätten ihn gekillt, wären die da ran gekommen, an die Bühne . Es war köstlich. Nach einer halben Stunde sind eben die Rio-Leute dann alle raus und dann haben die Hosen eben noch gespielt. Und die habe ich als total angenehm kennengelernt, die Hosen. Die haben wir später zwei Mal noch getroffen, bei gemeinsamen Konzerten. Das war immer sehr angenehm mit denen, weil die immer echte Punkrocker, oder was auch immer, geblieben waren. Das bei all dem Rummel, der um sie geschah. Die waren total bodenständig, angenehm.
Ja, dann bin ich später mal der Einladung gefolgt und das war dann auch ganz nett. Blixa hat was gekocht, war auch recht zugänglich ... Also das hat so meiner Fantasie von Gleichgesinnte treffen sich irgendwie wohl recht zugespielt. Was dann wohl irgendwie ein Fehler war, denn als ich später mal wieder zu ihm kam, wurde das dann so eine Treppe der Enttäuschung, wo er völlig unzugänglich war, immer unzugänglicher wurde. Und immer nur (Bargeld imitierend) aus so einer erhöhten Position mit einem redete.
Ich hatte noch ein ganz gutes Treffen, da habe ich ihm Terterian vorgespielt, die 7. glaube ich, was er ganz gut fand, aber er wollte mir zeigen, dass in seiner riesigen Bibliothek noch ein Haufen anderer Terterians schlummern und die wollte er mir alle vorspielen. Und er musste aber bei jedem anderen feststellen, dass die Terterian nicht das Wasser reichen. Das waren dann, was weiß ich, Konstruktivisten oder ein paar Polen, die auch ein bißchen auf religiöse Musik machten. Da hat er dann schon gemerkt, dass es das nicht ist.
K: Ja. Dann gab es eben bloß noch so blöde Begegnungen, wie „Hör auf mit Musik,“ und...
R: Tatsächlich?
K: Ja, also, als ich ihn fragte, zu welchem Label wir denn gehen könnten.
R: War das so diese Begnung, also, dass du schon so eine Art, ich tue mich immer schwer mit diesem Begriff, aber doch Vorbild oder Einfluß triffst, also auch in der Hoffnung, dass er dir irgend etwas mit auf den Weg gibt? Oder war das wirklich eine... Unter Kollegen?
K: Ich fühlte so eine tiefe Verbundenheit...
R: Also so eine Seelenverwandschaft?
K: Mhm, ja, so etwas eher. Wo ich dachte, wir könnten doch den Arsch der Welt aufreißen. Also eher so... Ich bin ja auch ein bißchen geprägt, ich habe so als 14, 15jähriger sehr viel gelesen, so über die 20er Jahre, so „Kaffee des Westens“ , die Künstler, die da zusammen rumgezogen sind und die zusammen einen drauf gemacht haben, Grosz, Dix und all die Hunde. Also in solchen Formen spielte sich das für mich ab. Und da hat man natürlich auch ein paar Launen hingenommen.
Also als ich das Verschwörungszeug kennenlernte hatte, bin ich ins Gespräch gekommen mit ihm darüber und er meinte: „Ach, das ist doch alles... Verschwörungskram und so...“ Und da habe ich ihm eine Wette vorgeschlagen, dass ich ihm beweise, dass Adolf Hitler mit den Schwarzmagiern zu tun hatte und der Thulegesellschaft und er „Das kannst du nie beweisen.“ Und dann habe ich ihm das Buch zukommen lassen, „ Guru Hitler“. Und er hat mir das nie zurückgegeben. Dann haben wir um 5000 Mark gewettet. Und irgendwann nach einem Jahr dachte ich: „Na ja, was soll’s. Kriege ich nicht wenigstens mein Buch zurück.“ Und dann konnte ich mir das abholen, da war bloß seine Sekretärin da, die mir das ausgehändigt hat. So noch ein Kommentar geleistet hat, die hat das auch nur verlacht: „Ach seine Mutter macht auch ein bißchen rum mit Tarot. Er kennt das alles. Das ist alles voll lächerlich, also Esoterik und so.“
Er sah einen immer einen Rang tiefer. Oder ich habe ihm das Artaud-Hörspiel zukommen lassen. Und da war ich noch so optimistisch, hatte ihm dann so geschrieben, ob er wüßte, wo man vielleicht Aufführungen machten könne oder was man damit vielleicht noch anstellen könne. Kam nie etwas zurück. Später habe ich gehört, dass er das selber machen wollte und wahrscheinlich beleidigt war, dass ihm das jemand vor der Nase weggefischt hatte. „Monelle“ wollte er auch selber machen.
R: Tatsächlich?
K: Ja. Er war dann später bei mir hier im Studio. Ich habe für ihn gearbeitet, wo ich Schnitt für ihn gemacht habe. Und er anfing mit Johnny Klimek zu arbeiten und Johnny keine Zeit hatte und ihn an mich verwiesen hat. Wo er dann quasi ins Studio kam und ich dann so seinen Hiwi machte. Also bezahlt, völlig ok. Aber Hiwi meine ich deshalb, weil ich kennenlernen durfte, wie er mit Leuten arbeitet, die für ihn arbeiten. Also eben als Hiwi. Und das war eine ganze Woche lang, das war unglaublich aufschlußreich, zu einer Zeit, wo ich mit der Person völlig abgeschlossen hatte und diesen Job einfach machte. Und nur beobachten konnte, oft recht amüsiert, wie der tickt.
R: Ja, ich finde ja immer ganz erstaunlich, dass immer so gesprochen wird: „Ja, Sandow klingen wie Einstürzende Neubauten,“ aber ich finde viel elementarer, also das stärkste Stück der Neubauten aus den 90er Jahren, also die „Melancholie des Landes“, Melancholia...
K: Das mit dem Potsdamer Platz?
R: Ja, ja. Weil das klingt eigentlich wie Sandow.
K: Mhm...
R: Aber das spricht keiner an.
K: Ne, das spricht keiner an. Aber es gibt noch mehr Umdreher. Aber offensichtliche Umdreher.
R: Aber das liegt so auf der Hand, das ist so... Also mich machen ja selten Sachen wütend, aber wenn ich so dieses Stück höre und ich spiele das so Leuten vor, gerade so Leuten...
K: „Silence is sexy.“ Ich meine Endruh Unruh war für die Stachelhaut für uns eingekauft um Stille aufzunehmen, ein Jahr bevor die „Silence is sexy“ aufgenommen haben. Und plötzlich fangen die ihre Platte mit Stille an, mit wichtigtuerischem Geknister und Zigarette-Anzünden. Und dann heißt die Platte auch noch so.
R: Ja, aber gerade bei diesem Song, also in einer Zeit, wo die Neubauten so auf Strophe-Refrein geachtet haben, während Sandow sich eben von dieser Popmusik gelöst haben. Und dann eben diese ganzen Elemente, die Sandow eben so faszinierend gemacht haben. Also diese Mischung aus Härte und Melancholie auch gepaart mit Satzgesang. Also das ist so, nur als Notiz, nicht als Frage: Also ich habe gekotzt, als ich das gehört habe, weil ich habe mir die Platte gekauft und fand die extrem schwach und dann ist dieser Song und der klingt nach Sandow.
K: Na, ich habe das mal so beschrieben, Sandow ist ein NeuBauGebiet und wir sind in irgendeiner Phase, wahrscheinlich Phase „13. Ton“ und „Haus der Lüge“ aneinander vorbeigeschritten und sahen uns da auch am verwandesten. Nur sind wir immer in die andere Richtung des anderen weitergegangen. In irgendeiner Form. Wir haben uns mehr dekonstruiert und sie haben sich immer mehr konstruiert.
R: Ja genau. Aber trotzdem finde ich dann so verwirrend, ok, das Goethe-Institut gibt eine Menge Kohle aus um die Neubauten so auf Tournee zu schicken, aber schon, also moralisch war es schon nicht mehr ok, weil es eine Band ist, die sich zumindest bedingt trägt. Und dann natürlich so eben aus dieser ostdeutschen Sicht, wo man eben so eine Band wie Sandow, denke ich viel eher hätte auf so eine Reise hätte schicken können, weil das einfach viel mehr an kulturellen...
K: Das ist sowieso eine Frage...
R: Natürlich, aber an kulturellem Tiefgang viel mehr hätte bringen können.
K: Ja, ja. Leider geht es da nur ganz selten drum.
R: Ja sicher, ganz klar.
K: Zu optimistischsten Zeiten habe ich die auch gefragt, ob die uns nicht mit mal als Vorband nehmen könnten. Es war ausgeschlossen. Also das weiß ich aus heutiger Sicht.
Ich habe ja sogar mal versucht Bassist bei denen zu werden. Als Mark Chung da raus ist, brauchten die ja einen neuen Bassisten und da ich ja mit Endruh so dicke war, über all der Ngoma-Zeit über ihn wußte ich, dass da der Job ausgeschrieben ist. Und wir waren mit Endruh auch schon so aus dem Häuschen: „Ja, genau, das wäre ja toll...“ und so. Und das hat mir natürlich auch viel Dresche eingebracht bei den Sandows. Was ich nicht wußte, dass sie mir dann Verrat anhängen, Neubauten wären doch immer der Gegner gewesen. Aber für mich war das nie der Gegner. Das haben die nur so als Gegner gesehen, weil wir immer für die Dresche gekriegt haben. Für mich war das nie ein Gegner. Für mich wäre auch das nur eine Arbeit zum lernen gewesen. Also eine der größten deutschen Bands, wo man mitspielen kann, das ist doch sehr gut. Also das ist mir auch alles gleichgültig, was da die Presse sagen würde. Wenn du da eben eine Triangel spielen kannst, dann spielst du da die Triangel. Da kannst du eine Menge lernen und kannst dich einbringen in etwas ganz Besonderes. So habe ich Bass geübt, weil mir dann gesagt wurde, da gibt es dann ein Vorspiel. Und Endruh meinte „ Alex ist auch nicht abgeneigt, gegenüber dem Gedanken mit dir.“
R: Hacke. Ja. Und mit Blixa habt ihr auch gesprochen?
K: (Bargeld imitierend) „Ja, da wird es ein Vorspiel geben.“ Und dann bin ich da nie angerufen worden, zum Vorspielen. Und der hat sich dann auch Leute aus seinem alten Barumfeld genommen, aus der Haut-Fraktion, die ihm folgt. Also ich bin dann in meiner Euphorie auch schon so weit gegangen, dass ich mir mit Endruh auch gesagt habe: „Die müssen wieder neu aufgerollt werden. Die Strukturen müssen wieder offener werden. Das darf nicht so ein Wahlverein werden für Bargeld. Sondern da muss mal wieder richtig die Luft brennen.“ „Ja, du hast Recht.“ Aber Endruh ist auch eben ein treuer Hund, ja der klebt auch sehr an dieser Lichtgestalt dran, die eben alles regiert. Ich glaube, also aus der heutigen Sicht, war es vergleichbar, wie die Sowjetunion 1956 in die NATO eintreten wollte. Also ein interessanter Schachzug, aber völlig absurd. Der hätte mich da nie reingelassen. Also der sieht das alles strategisch.
R: Materialistischer?
K: Also, der sieht das wie..., wie eine Schlacht.
R: Jetzt weg davon, also für heute so eine der letzten Fragen. Zum ersten Album. Also bevor wir auch die weiteren Alben außer Born besprechen. Was mich ja total bedrückt, ist, also jetzt eine ganz persönliche Sache, „Factory“, euer erster Song auf „Stationen einer Sucht“, gibt es keinen Text zu, ich verstehe den Text nicht. Warum? Also warum gibt es das nicht schriftlich?
K: Aha, warum gibt es das nicht schriftlich? Ja, ich glaube der Text ist gaga.
R: Tatsächlich? Weil das, was ich verstehe, finde ich nicht gaga.
K: Relativ. Also das was die Headline ist, ist nicht gaga. Aber ich glaube, es ist eine unseriöse Arbeit gewesen. Also den habe ich mir mit Berber abgesponnen, in einem Kaffeehaus. Der musste irgendwie ran, ich kann mich irgendwie nicht richtig erinnern, in Cottbus auf der Cubaner-Terrasse. Aber den habe ich nie als meinen Text empfunden, also ok, die Headline war immer klar und gut, aber alles, was da in der Strophe passiert, ist so zusammengeschustert.
R: Ok. Also muss ich ja trotzdem mal fragen, was ist die Aussage, weil...
K: Die Aussage ist ganz klaaaar.... Also die Aussage kommt aus so einem ganz simplen Ding, dass jemand in seinem Betrieb arbeitet, aber mit dem Betrieb überhaupt nichts zu tun hat und das wird dann so hochgehoben, also mit zwei, drei kleinen Geschichtchen, auf so eine Grundmetapher. Also ich bin hier, ich mache zwar irgendwie mit, aber in Wirklichkeit bin ich total out of order. Also ich gehöre nicht zu euch. Und dann gibt es dann irgendwie so ein Zwiegespräch mit dem, alles auch in falschem Englisch, das ist alles ganz lausig, mit dem Meister im Betrieb, wo ihm irgendwie punkmäßig gesagt wird, dass er doch ein totaler Spießer ist und überhaupt nichts erkennt. Irgendwie so etwas war das. Aber das ganze ist in so einem beschämenden Englisch, dass ich das nie niedergeschrieben habe.
R: Na gut, aber ich sage mal, trotzdem, also die Musik trägt es ja und nicht umsonst habt ihr bestimmt beim letzten Konzert genau zu diesem Song die Leute, die euch jahrelang begleitet haben, mit auf die Bühne geholt.
K: Ja...
R: Also das war ein sehr bewegender Moment.
K: Ja, das war immer eines der Lieder, wo wir uns immer vorgestellt haben beim, bei Konzerten. Weil dieser Schlußteil sich sehr gut dafür eignet. Und die Refrainzeile ist einfach recht hübsch, also die ist einfach sehr stark geworden, die blieb eben einfach auch so. Egal, wie sich die Zeiten änderten.
Obwohl es ähnliche Textzeilen auch meinetwegen in „Hei Hei“ gibt, ich meine, in etwa das selbe. Aber da ist der deutsche Text an sich viel, viel stärker als das englische Gebrabbel, was in der Strophe da stattfindet. Also die Strophen sind eher äußerst dürftig.
R: Wie siehst du denn so diese frühen Songs? Also „Factory“, gut als englisch, aber eben auch was man in „Flüstern & Schreien“ hört oder was man, also auf dieser CD mitbekommt, die frühen Songs. Also zum Beispiel eben „Ich scheiße auf die Tugend, ich habe nur mich und meine Jugend.“ Also das ist ja sehr existenzialistisch, aber unheimlich stark, das geht ja unter die Haut.
K: Wie ich das sehe?
R: Ja, also jetzt aus der heutigen Sicht. Also wie gesagt, ich denke, dass sind unglaublich starke Songs, die genauso, die haben nichts an ihrer Intensität eingebüßt. Aber ich kann mir vorstellen, dadurch, dass es bestimmt bewußt nicht auf Platte gepresst worden ist...
K: Ja, das ging ja damals nicht.
R: Na gut, aber ihr hättet es ja bei „Stationen einer Sucht“ einbringen können.
K: Ok, aber da war das schon alles kein Thema mehr. Da war das schon aus dem Programm rausgeflogen.
Aber befremdlicher sind für mich eher die ganz frühen Anfänge. Aber das finde ich auch eher rührend. Weil da spüre ich einfach schon diese Arbeitswut, dieses „Komm wir schreiben noch zwei Lieder,“ Aber interessant fand ich, als ich das letzte Mal die „Die anderen Bands“ hörte, die Platte. Da fand ich ja die Scheibe klingt ja unglaublich nach DDR-Produktion, also vom Sound-Ambiente. Also außer Feeling B. Aber ich meine, was wir jetzt gemacht haben, also wie das so abgemischt ist. Das klingt total nach Amiga, wie andere Amigascheiben so klangen, einfach City oder so. Nur das mit unseren Möglichkeiten. Ich fand das jahrelang mal sehr moralisch, was wir da gemacht haben und finde das inzwischen wieder gut. Also ich bin auch inzwischen wieder ein Bekenner von Moral. Also Moral ist immer eine Haltung zur Welt und ohne Haltung zur Welt möchte ich auch gar nicht leben und das bestimmt meine Haltung zur Welt. Und deswegen erwische ich mich immer wieder, wie ich Moralisten, andere Moralisten gut finde. Jahrelang denke ich so, „Gott, was ist denn das für ein Schmalzkopf,“ wie Xaivier Naidoo , wo ich mir dann eingestehen muss, der Mann, der sagt was, was ihm auf dem Herzen brennt und das ist gut. Und das ist... Schluß aus, das ist gut. „Egal, was du da zu beanstanden hast, es spricht zu mir, egal, akzeptier das.“ Vielleicht so wie dein innerster, erster Impuls dir vielleicht pausenlos sagt: „Der Mann, der sagt was.“
R: Also so als kurzen Break, ich habe ja auch viele Leute mit Sandow so ein bißchen infiziert und ganz viele mögen eben auch diese ersten Songs. Also ich glaube auch gerade wegen dieser Moral. Also „Wir“ ist zum Beispiel so ein Song, worauf ganz viele stehen.
K: „Wir“, ja, ganau, der hat Kraft.
R: Aber auch „Er ist anders“...
K: Da höre ich schon immer, wie viele Kleinigkeiten in diesen Arrangements von uns gefummelt waren. Und da höre ich dann plötzlich, wie wir da tagelang daran geschustert haben, dass da noch ein Bridge und dort noch ein Melodiechen reingefummelt wurde und das alles irgendwie einen Flow kriegt.
R: Das ist ganz interessant, weil einerseits Musiker das lieben, vom, wie nennt man das, von der Filigranität genauso aber auch Leute, die einfach nur auf den Text achten. Also ich finde, dass eben in diesen frühen Songs schon so eine Ursprünglichkeit ist, die einfach so total brachial ist, also ohne, dass sie diese Brachialität bedient. Einfach so krass und ehrlich rüberkommen und das man das einfach lieben muss.
K: Da ist viel Weill drin in dieser Scheibe. Weill und Brecht, in diesen drei Liedern, gerade dieser Sinn für das, total Weill.
R: Ohh, Klasse.
K: Das ist bestimmt auch ein Einfluss, den man nennen muss.
R: Also ich meine, der Bruch zur ersten Scheibe ist trotzdem da, aber... Also insofern finde ich das auch gut, das du einfach noch einmal die alten Songs der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellst.
K: Ja, das hat sich so ergeben, weil es so Anfragen gab.
R: Ja also, für Sandow-Fans ist das, denke ich, ganz wichtig, wenn man da einfach so die Entwicklung merkt.
Wie heißt der Song mit der Tugend?
K: Also das ist ja zum Teil von Brecht. „Durst“ heißt er. Die Strophen sind teilweise von Brecht. Denn wollten wir eigentlich mit drauf nehmen auf „Die anderen Bands“, aber die haben uns die Rechte nicht gegeben.
R: Tatsächlich? (Klein lacht pustend)
K: Da hat Amiga gleich abgewunken: „Ne, bitte nicht. Nicht mit den Erben. Wir hatten das gerade. Gruppe Zebra. Das ist furchtbar, wir können nicht noch einmal zu denen hin.“
R: Also das ist so ein Song, wo ich, also wie gesagt, ich weigere mich ja immer vor den extremen Ehrerbietungen, aber so, da kniee ich nieder.
K: Aha. Also wir haben aus dem ersten ein Theaterstück gemacht, „Aufbruch und Aufruhr“ war das Stück. Dafür wurde das Stück geschrieben.
R: Also als ich „Elementarteilchen“ gelesen habe, was für mich ein ganz wichtiges Buch ist, da sehe ich so eine direkte Linie. Also es heißt Houellebecq macht das ja so extrem so fest, so an der westlichen Gesellschaft. Und ich sehe da nun einfach so eine Dekadenz, die beschrieben wird, die so nach dem 2. Weltkrieg immanent ist in beiden Systemen. Und ich habe selten so einen Song gefunden, der das so extrem beschreibt. Sowohl für Ost, als auch für West. Das ist einfach nur so: Ja! Und wie gesagt, ich habe auch immer so diesen Drang, diese Sandowsongs Ost wie West vorzuspielen. Und das ist so ein Ding, das verstehen einfach beide. Also so ist es groß.
K: Also wie gesagt, beide Strophen, es sind ja zwei Strophen, sind komplett von Brecht.
R: Das wusste ich zum Beispiel auch gar nicht. Aus einem Brechtgedicht, oder wie?
K: Ja. Ich glaube eher so ein kleines Buch, mit Gedichten aus der Jugendzeit, glaube ich, also aus der Augsburger Zeit noch.
R: Wie ist das, also bei diesen beiden Platten, Live- und Demosongs, greifen da noch viele zurück? Also spricht das viele alte Sandow-Fans an oder ist das wirklich mehr so für Insider?
K: Schon so Insidermäßig. Es gibt auch welche, die sich über die Tonqualität beschweren. Und das verstehe ich, aber das war nun einmal der Zeit geschuldet.
R: Bei deinem letzten Geburtstag hattest du ja erzählt, was deine Lieblingssongs sind. Hat sich das irgendwie verändert?
K: Ich weiß gar nicht mehr, was ich da erzählt habe... Serge Gance Bour (?)?
R: Ne, also ich meine jetzt deine eigenen Lieder.
K: Ach so.
R: Na, auf jeden Fall von der Stachelhaut „Raum aller Dinge“ und jetzt muss ich mich mal erinnern, und ist es sogar von der „Fatalia“ (flüsternd) Epitaph?
K: Also das ist wahrscheinlich immer im Wandel begriffen. Also das ist von der „Anschlag“ das Stück „Gesichte der Wiedergeburt“ und wie heißt das davor? (murmelnd) Sieh nur die Welt, zerfällt...
R: Das ist doch „Nac“, oder?
K: Ne, (murmelnd) ) „Corrida – Schiff der Narren“. Also ich neige momentan zu den Monumentalwerken, „Memento Mori“ und von der „Stachelhaut“ „Tal der Toten“.
R: Oh, das ist der Wahnsinn, mit der Textzeile „Ich habe den besten Freund verjagt.“ Das berührt.
K: Das ist dann auch schon Messner, also als Influenza. Also da kann ich auch für jeden Text, so Influenzas feststellen, so Bilder, die prägen um etwas zu erzählen, was ich erzählen will. Und das ist die Todeszone, dass man in einer Situation ist, wo es niemanden mehr gibt. Wo man alles zerschlagen hat, wo das schon herein spielt mit Chris ...
R: Also für mich so als Persigianer, stellt sich natürlich die Frage, mit „Zen“ und „Leila“, gibt es da Songs, wo du Parallelen siehst?
K: Das habe ich erst viel später gelesen. Also ich glaube auch nicht, dass sich das bei mir niederschlägt, obwohl ich ein großer Fan beider Bücher bin, weil es da keine konkreten Bezugspunkte gibt.
R: Also so für einen Beobachter von außen, ist natürlich trotzdem so in „Tal der Toten“ so ein Ding... Also für mich persönlich, also so als Notiz, ist es auch ein Gutteil deiner stärksten Texte, also das, was ich auch am stärksten höre. Neben „Stille Invasion“, was, so glaube ich, euer Klassiker ist.
K: Ja, das hatten wir mal, als ich bei LangRü war, der alte Scherben-Gitarrist, der hat mir erzählt, also als ich ihm den Witz erzählt habe, dass ich jahrelang gedacht habe, dass... „Der Turm stürzt ein“, da gibt es eine Textzeile, bei Reiser...
R: Ja, ja, auf der „Vier“.
K: ...“Goethe hat mit Faus gefickt,“ dass ich immer dachte, das ist ja die Superzeile und bis ich dann im Textheft nachlas und da stand: „und Knete hat mit Faust gekickt.“ „Was ist denn das für ein Unsinn, haben die sich verschrieben oder was?“ Und wieso hat denn Knete mit Faust gekickt? Und ich habe immer jahrelang gehört: „Und Goethe hat mit Faust gefickt.“ Eine völlig einleuchtende Zeile.
Und da war ich total verwirrt, was soll denn das? Wahrscheinlich eine Beschreibung von irgend etwas, so Alltagsbeobachtung. Dann sagte ich zu mir: „Naja, scheiß der Hund drauf, dann hast du jetzt ein saubere Zeile.“ Und ich habe das dann eingebaut im „Tal der Toten“ und diese Geschichte erzähle ich dann LangRü (?), wie ich zu einer coolen Zeile gekommen bin. Und da sagt er: „Das ist ja unglaublich.“ Weil Reiser live hat der die Zeile immer so gesungen. Live hat der immer: „Goethe hat mit Faust gefickt“ gesungen. Nur auf der Studioscheibe hat der das irgendwie anständig in der Urversion „mit Faust gekickt“ gebracht.
R: Aber das finde ich cool, dass du Ton, Steine, Scherben auch für so wichtig empfindest.
K: Also die Scherben, wie auch Reiser danach, also die Balladen finde ich ganz wichtig. Also auch die Haltung von ihm. Ich habe ihn nur ganz kurz kennengelernt.
Aber ihn hat Gott sei dank nie das Starschicksal ereilt. Und das finde ich auch einen beeindruckenden Weg. Der hat ja da auch, quasi wie in der Diaspora gelebt, da in Fresenhagen, wenn man das mal gesehen hat, da ist ja richtig die Zeit stehen geblieben, 73 oder so. Oder 75, wann die da eingezogen sind oder später. Da steht das Gras hüfthoch, das Haus sieht immer noch so aus. LangRü geht wie ein Tiger auf und ab und muss ständig zur Beerdigung, weil irgend welche Kumpels tot sind. Und das Grab von Reiser ist direkt auf dem Hof. Und jede Nacht gibt es Pilgerer und am Morgen sieht man nur noch die leeren Weinflaschen.
Der dürfte eigentlich gar nicht da beerdigt sein, weil nach deutschem Grabrecht musst du auf den Friedhof. Aber die dulden das.
R: Also ich versuche ja immer noch das, so Praktikanten dazu zu bewegen so eine Parallele zu ziehen zwischen Gundermann und Reiser. Also ob es da bestimmte Berührungspunkte gibt und absolute Unterschiede. So Gundermann? So als absolut letztes Stichwort.
K: Da gibt es eine lange Abneigung von mir. Obwohl, wenn noch so zwei, drei Lieder irgendwo laufen, würde ich sie vielleicht unter dem Xavier-Naidoo-Aspekt akzeptieren.
R: „Schwarze Galere?“
K: Ich glaube, das kenne ich gar nicht. Oder vielleicht würde ich es kennen, wenn man es mir vorsingen würde.
R: Ich kann nicht singen, aber (Das Off springt ein und sprechzitiert den Grubenarbeiter) Das ist der geilste Song eigentlich.
K: Das ist aber nicht singen jetzt.
R: „...versaut,“ ja.
K: Ja, das ist bestimmt gut.
R: Das ist der größte Song. (Das Off: Das ist halt Weill-Niveau.)
K: Ja, das ist bestimmt gut.
(Das Off: Ja, der ist so früh gestorben, grausam.)
(alle lachen höhnisch)
R: 1982. Wie habt ihr euch gegründet?
K: Chris Hinze und ich, wir waren 13 Jahre alt und ein Klassenfasching stand bevor und die Idee war als Band aufzutreten. Also sich zu verkleiden und so zu tun, als wären wir eine Band. Und dabei haben wir uns schon zwei Lieder ausgedacht, uns eine E-Gitarre ausgeborgt und auf so einem alten Topf herum geklopft und aus dem Kostüm sind wir einfach nie wieder heraus gekommen. Weil das Fieber der Berührung mit Publikum muss wohl doch stark gewesen sein, wenn Mädchen kreischen oder... Wir waren einfach völlig auf dem Film eine Teenie-Band zu gründen und zu sein und wie auch immer den Weg nach oben zu suchen.
R: Wovon ward ihr mit 13 Jahren beeinflusst?
K: Also am Anfang von der „Neuen Deutschen Welle“ und ich kann mich erinnern, dass wir eine ganze Menge Friedenslieder gemacht haben. Also da spielt dann auch so Lindenberg eine Rolle und dann so diese ganze Aufrüstungsgeschichte um die SS 20 und um die Cruise Missile. Und dieser Druck, der da schon in der Luft schwebte, also so für die Altersklasse vielleicht noch...
R: Der Name „Sandow“, also ist ja ein Neubaubgebiet am Rande Cottbus, wo ihr aufgewachsen seid, hat das was mit Lokalpatriotismus zu tun oder war das eher so ein ironisches Moment?
K: Nee, da gab es, glaube ich, keine Ironie, da es auch am Anfang schon so ein Lied gleichen Namens, wie es eher Hip-Hoper machen, also ihren eigenen Raum markieren und alles was man tut, eben als besonders hinstellen. So in etwa funktionierte auch der Text damals. Das war schon so patriotisch.
R: 1982 gab es ja bereits Punks in der DDR. Spielte das damals schon eine Rolle?
K: Gar nicht. Davon waren wir unberührt. Also wir waren eher die ersten Popper in Cottbus, die mit Dauerwelle und den ganzen Umhangschnickschnack herumliefen. Das Punkding kam erst später bei unseren Urlaubsreisen, bei denen wir mit Handwagen am Anfang an die Ostsee fuhren und da einfach mehrmals aufgegriffen worden sind, von den Streitkräften und auf den Campingplätzen mit Punks in Berührung kamen.
R: Wie alt ward ihr da?
K: 15, 16 so, da ging das los.
R: Wie seid ihr oder wie bist du im Osten aufgewachsen? Also ich will darauf hinaus, es gibt ja bereits so ein Buch von Jana Haensel „Zonenkinder“ und die schildert das ja alles sehr, sehr plüschig. Also man hat SERO-Altstoffe gesammelt, Pioniernachmittage gehabt und eigentlich war ja alles ganz toll.
K: Ich glaube die Erinnerung kann ich teilen. Also ich habe eine ziemlich gute Kindheit gehabt. Meine Mutter ist Puppenspielerin, mein Vater ist Historiker im Museum in Branitz gewesen und da war schon so, was allen Kinder wiederfuhr: Sport, ich war Ruderer, Chris war Judoka, so mit sechs mal Training in der Woche. Wo dann ja auch nicht viel andere Zeit bleibt. Später war ich dann in einem Schachclub. Meine Eltern haben mich immer sehr versorgt mit Brecht vor allem. So kam ich allmählich auf den Trichter, dass ich ähnliche Anlagen vermeinte zu spüren.
R: Wie hat sich das geäußert?
K: Indem ich schreibwütig wurde und viel geschrieben habe. Aber auch immer schon mit der Perspektive, mit so einer selbstüberschätzten Perspektive, dass ich zu einem erlauchten Kreis gehöre. Das sehe ich heute entspannter, obwohl ich nicht unbedingt bescheiden bin, aber ich weiß, dass das eine starke Triebkraft damals war. Also mit 19 das erste Theaterstück war Pflicht.
R: Und trotzdem muss ja so ein Bruch stattgefunden haben, als ihr eben 15 gewesen seid, von der VP aufgegriffen worden seid. Was ist da im Kopf entstanden?
K: Ich glaube erst einmal was ganz typisch Pubertäres. Also was ohnehin einsetzt, was bei Chris und mir aber abgefedert war, weil wir beizeiten diese Band hatten und unsere Eltern uns immer unterstützt hatten. Das heißt die Eltern waren nicht der klassische Feind, die haben schon sehr hinter uns gestanden. Und der klassische Feind war dann eben die Staatsgewalt, die einen behindert. Und insofern wurde dann das Weltbild brüchig, was bis dahin recht stabil war. Also schon mal durch die Friedenslieder, das war schon eine Perspektive. Die vielleicht bei uns etwas nihilistisch warenm insofern wir glaubten, das bald alles den Bach runtergeht und im Atomkrieg endet. Wegen dem Westen...
Aber erst mal war das eher harmlos. Aber die Kontakte wuchsen dann natürlich. Und wir sozialisierten uns dann immer mehr in der Punkebene in Cottbus.
R: Wie war so die Punkbewegung in Cottbus?
K: Ich glaube es gab so 20, 30 echte Hardcore-Punks, aber nicht unbedingt wie heute die Schmuddelebene. Sondern die waren alle schon politisch und belesen. Und es gab ein großes Umfeld, also Leute, die sich viel mit Musik beschäftigt hat, also von Birthday Party bis The Cure und Cottbus war sehr gut beliefert durch zwei, drei Westberliner Kontakte. Also es gab immer die Weißpressung der diversen Westberliner Acts, also von den Neubauten bis zur Tödlichen Doris. Und auch im Radiobereich lagen wir ganz gut in der Empfangsmöglichkeit. So dass, wenn ein Westbesuch sich nach Cottbuss verirrte, der dann doch erstaunt war, dass wir doch mehr upgedated waren, als der Westreisende.
R: Und diese ersten Verhaftungen oder Aufgreifungen hatten die irgendwelche Konsequenzen oder wie lief das ab?
K: Also ich glaube für die Volkspolizei lief das so ab, dass die nach dem Äußerlichen gingen. Also so nach zwei Wochen Zelturlaub verwahrloste auch der Popper, der wir in der Zeit immer noch waren. Und man sah dann einfach eher aus wie ein Punk. Und das war insofern für uns eben eher unverständlich, warum wir festgehalten werden, warum alles aufgeschrieben wird.
Die Erklärung dafür und auch die punkideologischen Erklärungen wurden dann sicher nachgeliefert. Und dann kam man bestimmt in vergleichbares Denkfahrwasser. Und das war dann so ein Nährboden, der gärte, wo dann sicher nach einer Weile auch eigenes Denken einsetzte.
R: So 85 herum, war das die Zeit?
K: Ja. Und so ab 86 könnte man vielleicht schon so sagen, wurden die eigenen Bemühungen dann schon stärker sich auszudrücken und zu verarbeiten, was da passiert. Aber auch 86 gibt es noch ganz viel pubertäres Liedgut, was sich auch völlig apolitisch mit der ersten Liebe, mit der zweiten und der dritten auseinandersetzt und den einfachen Etiketten dieser Zeit einfach, also mit den Problemen, die man hat wenn man 17 ist. Und wie ich heute finde, unter enormen Gruppenzwängen steht, also Verhaltenszwängen.
R: War das damals anders?
K: Das glaube ich nicht, nein. Also wir hatten einfach eine coole Ebene durch die Band. Wir waren da immer vorne weg. Aber ich kann mich schon erinnern, also wenn man einfach nicht cool aussah oder so, dann lief man eben als einsame Person durch die Gegend.
R: War damals cool aussehen, egal was man war? Also das heißt egal ob nun Popper, Punkrock, Hauptsache man war irgend etwas? Oder waren die Popper cooler als die Punks? Wie kann man sich so Mitte der 80er Jahre DDR-Jugendkultur in Cottbus vorstellen?
K: Also als Popper, dadurch, dass wir mit die ersten waren, haben wir uns schon saucool gefühlt. Dann kam auch noch so die New Romantic mit hinein, das war auch so ein switchender Übergang und... Also ich würde sagen, das dunkelte sich nach und nach ab. Also das waren dann zwar immer noch Popper, aber das war dann schon immer mal schwarze Kleidung.
Und dadurch, das die Konzerte dann auch anfingen außerhalb zu sein, geriet man auch mal längere Wochenende irgend wohin, blieb, versumpfte, die ersten längeren Suffwochenenden... Das ging so alles miteinander her.
R: Wie entstanden denn so die Kontakte, also das man außerhalb gespielt hat? Weil ihr hattet ja noch keine Einstufung.
K: Doch, doch. Seit 85, also seit 85 hatten wir eine Elementarstufe.
R: Wie lief die Einstufung ab, war das problematisch oder lief das glatt?
K: Am Anfang, als wir noch zu zweit waren, waren wir auf irgend einem Talentewettbewerb von irgend einer Kommission gesehen worden, die eher so Schlagerduos produzierten und die hatten auch vor aus uns ein Schlagerduo zu machen. Also so in der Art wie H&N, Fernziel 87 Goldener Rathausmann, so ein OstGrandPrix, hieß deren Strategie. Und die stellten uns dann so Mentoren zur Seite, die aber auch gleich wieder gingen, weil wir da zu störrisch waren. Weil wir nur unsere eigenen Sachen gemacht haben. Wir haben nie gecovert in der Zeit.
Als die erste Einstufung war, hatten wir schon knapp hundert Titel geschrieben in der Zeit. Und da stellte man uns anheim, dass man unbedingt einen Titel covern muss um zu zeigen, dass man es kann.
Ja, wir haben mit Ach und Krach die Elementarstufe gekriegt, die niedrigste Einstufung. Wir waren da völlig überrascht von, denn die ganzen Punks waren da und haben getanzt. Obwohl das noch so richtiger Kinderpunk war. Wir haben glaube ich, als erstes Stück ein Lied von den Ärzten gecovert: „Sonne, Palmen, Sonnenschein“.
Wir hatten aber von Beginn an zwei, drei Leute, ich bezeichne die jetzt mal so halbvage als Alt-Existenzialisten, Spät-68er oder Früh-68er, die in den verschieden Instituten, Bezirks-, Kabinetten so saßen und immer eine schützende Hand über uns gehalten haben. Vor dem Zugriff der Schwachköpfe. Also die KGD (Konzert-und Gastpsieldirektion) sind dann bei Zeiten abgesprungen, um aus uns ein Duo zu machen. Die haben gemerkt, das wird nichts.
Wir waren am Anfang ja nur zu zweit, also nur mit zwei Gitarren und haben auch immer unbekümmert drauflos gespielt. Heute würde man das wahrscheinlich gar nicht mehr machen, also ohne zu merken, dass das gar nicht geht. Viel zu viel Dünnes, kein Beat und wir haben auch nur simple Melodien gespielt. Also ganz brav würde man das heute finden. Aber das hatte vielen Leute, also die uns da auch geholfen haben, so WK 13 z.B. sehr gefallen. „Diese Frische !!!“ das war unser Etikett in den ersten Tagen.
R: Wie kam denn der Kontakt zu WK 13 zustande?
K: Ich glaube über meine Mutter, die den Schmidte kannte. Und da wir die anderen Mentoren immer so abgeschüttelt haben und plötzlich diese Einstufung ins Haus stand, hat die den Schmidte rangeholt.
Schmidte schneite rein auf die Probe und den haben wir sofort geliebt. Der hatte etwas zwanghaftes; jeder dritte Satz war mit Ficken: „Hast du heute schon gefickt? Was hast du für dicke Eier? Warum spielst du so schlapp, heute nicht gefickt?“ Und das hatte sofort unsere Sympathie und den haben wir auch sofort ernst genommen. Und der hat uns schon die ersten Beats beigebracht. Und dann war WK 13 für uns auch jemand, zu dem wir aufgeschaut haben. Also weil die schon sehr professionel ihren Set gespielt haben. Und das waren auch richtige Musiker in unseren Augen. Wir waren völlige Stümper dagegen, was wir so instrumental konnten.
R: Die haben euch dann oft auf Tour mitgenommen?
K: Die haben uns entweder als Support mitgenommen irgend wo hin, nach Lugau oder... Weiß der Fuchs wohin, irgendwo ins Umland.
So Mitte der 80er Jahre gab es ja auch noch nicht so viele dieser sogenannten anderen Bands. Es gab so diese Fraktion der F-Bands: Feeling B, Firma, Freygang, aber die waren so eher auf den Dorfsälen unterwegs. Und die Clubs, die so im Sprießen waren, die hatten vielleicht so zehn, fünfzehn Bands zu bedienen. Als das anfing, höchstens. Und dazu gehörten wir einfach. Wir waren einfach der erste Indi-Act auf der Insel der Jugend in Berlin zusammen mit Sand... Sandrock... Ich weiß nicht mehr, irgend jemand aus Leipzig. Davor gab es schon Indi-Diskothequen, Und so waren die Clubs letztendlich auch interessiert daran, solche Bands zu buchen. Und das belief sich damals auf drei, vier Konzerte im Monat, höchstens.
R: Gab es denn Kontakt zu diesen anderen Bands? Weil wie du gesagt hast, es gab ja diese F-Clique?
K: Also diese F-Clique haben wir erst ein bißchen später kennengelernt. Unsere besten Kontakte waren zu „die anderen“ und Die Vision. Also vor allem zu „die anderen“. Ich habe bei Toaster oft in Berlin geschlafen. Ich fing dann auch an, wenn wir nicht gespielt haben nach Berlin zu fahren, auf die Insel zu gehen, mit Toaster dann auf diversen Hinterhofparties. Und da habe ich dann auch schon mal Aljoscha kennengelernt, mit dem wir auch rumgezogen sind. Bei dem haben wir auch bloß einmal übernachtet, weil der handgreiflich wurde.
R: Wie handgreiflich?
K: Na, mit der Gruppe Sandow im Bett. (lacht) Also so auf der Kicherebene. Aber das war uns zu unheimlich.
Aber er war schon eine beeindruckende Persönlichkeit.
R: Wie war so die Berliner Szene, so 87 rum? Was waren das für Typen, die sich da rumtrieben?
K: Zu den Fähigsten, in meiner Erinnerung, halte ich „die anderen“ und die Elektroartist-Leute. Es waren auch sehr intelligente Leute. Die Szene war aus unserer Sicht erst einmal auf die Musiker beschränkt. Es gab ja nur ganz wenige Kneipen. Und die Kneipen habe ich überhaupt nicht kennengelernt, bis auf einen Rundgang mit Aljoscha, wo wir aus jeder spätestens nach zehn Minuten wieder rausgeflogen sind. Bis wir Ecke Schönhauser, Saarbrücker, heutzutage, in einer Schwulenkneipe waren. Und dort haben sie Aljoscha geschnappt am Schlaffitchen und hinten am Hosenbund, Rausschmeißer. Und da gab es so eine Cowboytür, Flügeltür, und da ist der wie im Comicfilm durchgeworfen worden. Und dann war irgendwie klar, mit Aljoscha kann man nicht in die Kneipe gehen. Ansonsten habe ich die Kneipen nie kennengelernt.
Das war dann immer privat und da gab es dann jede Menge Ausstellungseröffnungen, die hier in irgend welchen Wohnungen stattfanden, wo auch gekifft wurde. Also Drogen waren auch da schon gar kein Problem, in der DDR.
R: Tatsächlich?
K: Ja Ende der 80er haben wir auch in Cottbus großartig angebaut. Also da hatten wir richtige Hanffelder teilweise. Die hat ja keiner erkannt. Und die erste Ernte wurde in sechs riesigen Säcken über die Grenze geschafft.
R: In den Westen dann?
K: In den Westen dann. Wurde am Schlesischen Tor verkauft, Cottbuser Ernte. Das war das erste Westtaschengeld.
Die Szene war extrem lebendig, geheimnisvoll und es waren eben unglaublich interessante Menschen, also weil die auch alle gebrannt haben einfach. Wie so ein Erwachen ging durch eine ganze Generation.
R: Und war das auch sehr durchmischt, also Musiker, bildende Künstler, Literaten?
K: Ja. Und es gab nicht nur Künstler. Auch aus allen möglichen anderen Berufen. Und ich empfand das auch als sehr amourös, diese Zeit. Es gab unglaublich viele interessante Frauen mit Tiefgang und allem Drum und Dran, und lange Nächte, die nicht nur auf die Vögelei hinausliefen. Es war, wie man sich so eine gut gehende Existenzialistenszene vorstellt.
R: Und war das mehr so auf Berlin beschränkt? Wie war Leipzig, wie war Thüringen?
K: Ich glaube Leipzig haben wir ein bißchen später erst kennengelernt. Erst so 88, glaube ich, das erste Mal gespielt. Und da gab es auch eine sehr gute Szene. Die waren aber auch schon voll im Gange. Und Halle war cool, die hatten ja die Uni, haben sie immer noch, da gab es eine Menge interessante und agiler Kunststudenten. Erfurt hatte ein sehr interessante Szene, sehr gute Leute.
R: Um Schleimkeim?
K: Die Schleimkeimer haben wir auch kennengelernt, aber schon in Cottbus. Mit Fossi haben wir auch mal zwei Sessions gespielt. Die waren in der Erfurter Clique gar nicht mehr so zu Gange. Die kamen ja auch aus Gotha, meines Erachtens. Die haben wir später erst wieder getroffen, als die in Jena lebten, als die fliegenden oder fickenden Frisöre. Ich kann mich nicht mehr erinnern, die hatten dann so eine neue Band.
R: Die fanatischen Frisöre.
K: Die fanatischen Frisöre! Genau. Also so wuchs das in den Städten doch so gleichmäßig nach.
R: Mal rückblickend betrachtet, würdest du sagen, dass diese DDR-Szene, also um die anderen Bands was sehr, sehr eigenes war oder hatten viele den Blick nach Westen und haben versucht aus Westeinflüssen zu ziehen oder war das doch was sehr Eigenes?
K: Also aus der heutigen Zeit betrachtet, kann man bestimmt jeder dieser anderen Bands Pendants zuordnen. Das war mir damals nicht so bewusst. Warum eigentlich...?
Aber ich hatte eher so den Eindruck, das der ganze Pulk, bis auf so ein paar Leute, die augenscheinlich rübergehen wollten, wie die Elektroartist-Leute, ohnehin ihr Tagesgeschäft im Osten sahen. Also auch gar nicht Ambitionen hatten wirklich rauszugehen. Und dieser Aktionskreis, der ja für einen Bohem einfach wunderbar war, also dieses unglaublich billige Wohnen und auch der Rest vom Leben war billig und mit ein paar Konzerten hast du das raus gehabt. Und die meisten Musiker waren drauf und dran die ersten Schäfchen ins Trockene zu führen. Also es ging uns ähnlich. Und ich glaube nicht, dass das die Haltung geschmälert hat. Aber diesen Wirkungskreis zu haben, diese enorme Wichtigkeit bei jedem Auftritt zu spüren, das hat uns eher Angst gemacht, dass, wenn wir verboten werden würden, was dann so ab 87 eintrat, der Endfight mit der Stasi, dass wir raus müssten oder dass wir weg müssten, das war für uns furchtbar, zu denken.
R: Wie waren denn diese Konflikte? Gerade eben diese Reibeflächen mit staatlichen Organen?
K: Ich war 19 und das erste Theaterstück war fertig.
R: Wie hieß das?
K: „Aufbruch und Aufruhr“ Das klingt besser als es eigentlich war. Das war ein sehr wildes Gemisch mit Punkmusik. Es war Livetheater mit Live-Musik und auch so ein paar Entgleisungen, da gab es Sex mit Tieren. Also verbal auf der Bühne, was auch so dargestellt wurde, bloß so drei Charaktere und viel Nihilismus, aber auch einen, der noch so daran glaubt, dass irgend etwas passieren wird. Die drei haben verschiedene Positionen sich so ausgetauscht. Aber zu dem Zeitpunkt, wo wir nie Widerstand gespürt hatten und auch nie damit gerechnet hätten, da wir nie an die örtlichen Theater gingen, wo die Zensur automatisch Zugriff hatte, sondern das immer in den Clubs gemacht hatten, trat das dann doch auf den Plan. Aber auch völlig absurd, also DDR-typisch dann wieder. Also wir wurden zuerst von der FDJ eingeladen, die uns ja immer umgarnt hatte mit einem Fördervertrag. Aber wir haben das nie gemacht, was auch nicht immer so einfach war das auszuschlagen, weil das ja wie eine Aussage war: „Mit euch nicht, ihr stinkt.“ Also das abzulehnen auf diplomatischen Wege, denn wenn du sagtest „Ihr stinkt.“, dann haben sie dafür gesorgt, dass du in den ganzen Clubs, die zum überwiegenden Teil ohnehin der FDJ gehört haben, nicht mehr spielfähig warst. Das war schon immer so ein Balancieren.
So Frohnaturen von heute sagen, das war Opportunismus. Also die den Rush damals einfach nicht mitgemacht haben. Das glaube ich eher nicht, weil trotz aller größer werdenden Grenzen, war man immer noch in einem totalitären Staatsgebilde, was jederzeit zugreifen konnte und dass es zugreift war in den Jahren zuvor wesentlich offensichtlicher an der Tagesordnung, als es dann später, aus heutiger Sicht völlig einleuchtend war.
R: Habt ihr denn jemals, zumindest eine Drohung erhalten, dass es zum Verbot kommen könnte?
K: Dann nachdem bei der FDJ dieses lustige Gespräch war... also zuerst wollten sie uns so allgemein politisch befragen, was wir denn so empfinden. Aber mit den Genossen hat man über so etwas lieber nicht gesprochen. So etwas trug man auf der Bühne aus. Da tat man eher auf: „Klar gibt es immer Probleme.“ Mit denen hat man möglichst gar nicht gesprochen, also jedenfalls wir nicht. Also wir sahen darin keinen Nutzen. Das war in der Provinzebene ohnehin gefährlicher, als man das vielleicht in Berlin konnte, wo ein paar intelligentere Leute auf den Sesseln saßen.
Nachdem wir das abgelehnt hatten ihren Fördervertrag zu kriegen, wurde der Ton dann schärfer und der Kulturchef, ein Säufer vor dem Herrn sagte, dass sie Leserpost bekommen hätten, also bei der FDJ. Darin wird uns vorgeworfen, dass wir mit der Umweltproblematik kritisch zu Werke gehen. Wir hatten das Lied „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt“ von den Fehlfarben mit drin, was sich gar nicht mit der Umwelt auseinandersetzt. Aber das war denen nicht beizubringen, dass es da nicht um die Umweltproblematik geht. Und dann wurde das Katzenficken noch angesprochen. Das haben wir dann als künstlerische Überhöhung darzustellen versucht. Dann wollten die Einblick ins Buch haben und zusammen mit uns daran arbeiten. Da haben wir ok gesagt. Die nächste Zeit sind wir bestimmt viel unterwegs und da müssen wir mal gucken. Wir wollten das abwiegeln, Nein sagen wäre ja auch ein klarer Affront gewesen.
Wir haben uns dann nicht mehr gemeldet und dann wurde unser Proberaum aufgebrochen und wurden die ganzen Textblätter mitgenommen.
R: Von der Staatssicherheit?
K: Mhmm. Wir hatten damals so eine ganze Villa. Wir hatten einen Förderbetrieb, Fleischwerk Cottbus Konsum. Das war aber nicht staatlich an uns heran getreten. Sondern das lief über einen Kumpel, also ganz auf der privaten Linie. Und der Chef vom Fleischwerk, der auch nicht gedacht hätte, das wir politisch relevant sind in irgend einer Weise... „Die Jungs, die machen Musik, die muss ich unterstützen in irgend einer Weise. Die können meine alte Villa haben.“ Und wir haben uns hin und wieder einen Barkas ausgeliehen. Wir hatten auch gar keinen Fördervertrag. Das kam erst später, das wir versuchten denen eine Vertrag aufzuschwatzen um da 10000 Mark oder so etwas in dem Dreh pro Jahr zu verlangen. Was dann nicht lief, aber wir hatten immer diese Villa.
Die wurde aufgebrochen, da hat der uns gleich rausgeschmissen, der Chef, nachdem ihm die Stasi das gezeigt hatte. „Katzenficker, was steht da alles drin, ich glaube es ja wohl nicht. Macht euch vom Hof und so eine Scheiße. Hätte ich ja nie gedacht von euch.“ Und das war so ein hemdsärmeliger Direktor, also der so mit anpackt, also wie so ein Schwabe heutzutage. Dem die Politik Wurst ist, der aber den Betrieb am Laufen haben will und...
Naja, da sind wir da rausgeflogen und dachten, das wäre es damit gewesen. Aber da hat uns der Freddi Duhlitz gewarnt, der im Einstufungskabinett und im Bezirkskabinett saß, der sollte wiederum eine Veranstaltung organisieren, wo auch „Aufbruch & Aufruhr“ aufgeführt werden sollte. Und das war eine Falle gewesen, wo wir das aufgeführt hätten und es wäre nur Stasi anwesend gewesen. Und die hätten uns dann wohl mitgenommen. Und der hat das Risiko auf sich genommen uns zu warnen, zu sagen: „Wenn ihr das macht, dann geht ihr bestimmt ab. Ich habe es gesehen.“ Er war bei der Premiere, im heutigen Gladhouse. Das wurde denen nur über ein paar IM zugetragen und dann wollten sich das ein paar höhere Leute reinpfeifen. „Also überlegt, was ihr macht. Wenn ihr es absagt, ist klar, dass ihr das Stück nicht aufführen könnt. Dass ihr dann Farbe bekennen müsst, denn ihr könnt das nicht einfach ausschlagen, denn dann bin ich auch auf meinem Stuhl unsicher.“ Wir waren natürlich total ratlos, dann bot er uns aber den Ausweg an: „Wie sieht es aus, wollt ihr nicht ein neues Stück schreiben? Und so wie es jetzt ist, steht ihr vor dem Verbot. Und wenn ihr ein neues Stück schreibt und das alte absetzt, könnt ihr vor der Szene euer Gesicht waren, wenn ihr sagt ‚Wir schreiben gerade ein neues Stück, das alte wird nicht mehr aufgeführt, bis wir ein neues haben.’ und die Stasi lässt euch möglicherweise in Ruhe.
Und das war dann der Ausweg, den wir genommen haben. Ich habe ein neues Stück geschrieben, was in der Tat auch schon in den Grundfesten stand, was ich schon angefangen hatte. Und wir waren ja damals Amateure, gingen auch nicht arbeiten, was auch nicht ging, weil du dafür einen Berufsausweis brauchtest. Also mussten wir in irgendwelche Jobs kommen. Also haben die uns ein Auftragswerk erteilt, das Bezirkskabinett, sehr hoch dotiert und wir mussten Jobs annehmen. Also ich wurde im Bezirkskabinett als erstes Hausmeister, Chris wurde in einem Kindergarten auch Hausmeister, halbtags. Das ging aber nicht lange gut, weil ich gewohnt war, ich habe ja Baufacharbeiter mit Abitur gelernt, dass man früh wo hin kommt und sich erst einmal verzieht, Schläfchen macht. Und so habe ich das da auch gehalten. Und der Chef war am Anfang nicht da, vom Bezirkskabinett. Das Bezirkskabinett war so Mitte der 80er ein Ort der Revolte, der kulturellen Subversion und da haben sie einen aus der Bezirksleitung der Partei geschickt, der diesen Mistladen ausgekehrt hat und das auch sehr kräftig gemacht hat, als ich da einstieg zu dem Zeitpunkt. Und als der kam und mich da schlafen sah, ist das furchtbar auseinander geflogen und hat Standpauken abgehalten und hat dann aber auch gemerkt, dass ich, das wurde mir auch später erst bewusst, dass ich da auch unter Kontrolle war.
Dass um mich unter Kontrolle zu halten, brauchte er ein bißchen mehr mein Vertrauen, also er muss mich an eine Position setzen, die mir auch angenehm ist, dass ich da nicht vor mich hinludere und die Moral vom Rest der Truppe irgendwie herunter ziehe. Also hat er mich in so eine Außenstelle gesteckt und zum Assistenten befördert. Assistent für Koordination der Clubarbeit. Das war in einem ganz anderen Haus und ich hatte nur eine Vorgesetzte, bulgarische Soldatenbraut, die irgend einen NVA-Offizier geheiratet hatte und in die DDR gekommen war. Die war selten da, die war immer unterwegs. Und ich hatte dann da dieses Telefon und konnte von da aus Sandow-Managment betreiben, Clubs buchen, weil ich nicht viel zu tun gehabt habe. Und nebenan, das habe ich erst ein paar Tage später festgestellt, war Schmidte, der musste nämlich auch abtauchen auf so einen Job. Der war Karnevalsbeauftragter.
Und so waren da so einige Leute, die in Deckung gegangen waren. Also mit einem Fuß in der Legalität einfach und zu einem Teil auch unter Beobachtung waren. Man wusste in etwa wo der ist, was der macht. Man wurde so auch an die Vertrauensleine genommen.
Und der Chef war dann auch immer gutmütig, das war ein intelligenter Mann, dieser Peter Lang, dieser Chef. Der hat gutmütige, aber mit scharfen Blick geführte Gespräche mit mir gehalten, also auch immer um die Zukunft des Landes. Und mit dem konnte man schon eher ein offenes Wort wechseln. Der war dafür zugänglich.
Und dann habe ich auch so dekadente Runden miterlebt, wenn so Funktionäre gesoffen haben. Gerade im Suff wussten die genau, wie es um den Laden steht. Da ging es schon um Glasnost und die russischen Einflüsse und was damit auf deutschem Boden möglich wäre und die Gefahr, dass das Ganze dann erst recht auseinander bricht. Oder ob man doch mit der Knute drauf hauen müsse.
Also ich war da mal in so einem Ferienlager, wo eine Tagung abgehalten wurde von Clubchefs. War auch ideal für mich, alle Clubchefs vor Ort und ich konnte dann immer meine Geschäftchen machen. Ich war eingeteilt um die Bettwäsche für alle zu organisieren und im Lager nach dem rechten zu sehen. Das hieß dann Alkoholhandel nach 20 Uhr, weil dann ohnehin die Mitropa zugemacht hatte. Wir haben dann immer bis in die Nacht Spirituosenhandel betrieben. von Bungalow zu Bungalow mit Schmidte zusammen.
Wir waren dann auch bald in so einer Funktionärsrunde drin. Es waren auch zwei vom ZK dabei. Und als wir dann richtig breit waren, dann wurde über die guten alten Zeiten gejammert. „Damals in Nürnberg 57 auf dem KPD-Parteitag und wie die Braunen reinkamen und wie wir sie alle vermischt haben. Wir hatten damals nur eine Fahne gehabt und eine Gitarre. Heute kriegen sie alles in den Arsch gesteckt. Und trotzdem haben sie kein Bewusstsein.“ Also die harten Kämpfergeschichten. Und das war auch so nachzuvollziehen, dieser Bruch innerhalb dieser Generation. Diese Fassungslosigkeit, dass das was da nachwächst nicht dem Weg der Väter folgt, die doch mit Leidenschaft und in schweren Zeiten, wie auch immer, etwas aufgebaut haben, auch wenn sie dabei etwas nieder getrampelt haben. Aber das gehörte dann wahrscheinlich dazu. Aber das die Folgegenerationen diesen Blick nicht mehr hatten, der sicher auch aus der Kriegszeit kommt.
R: Wie war denn dein Blick zu dieser Zeit? Warst du eher für einen reformierten Sozialismus oder hattest du wirklich Lust auf die ganz große Freiheit? Wonach hast du dich gesehnt? Politisch gesehen.
K: Ich glaube nicht, dass das ein komplettes Modell war. Es ging erst einmal um kleinere Schritte. Also in der DDR erinnere ich mich, hatte man sehr viel mit dreister Dummheit zu tun, mit unendlicher Banalität. Also wenn man es mit Funktionären zu tun hatte, hatte man es mit grausiger Stupidität zu tun, die sinnlos abblockten. Das waren auch sehr dümmliche Leute. Ich würde eher denken, dass ich so ein aristokratisches Modell suchte, also wo auch immer die Weisen auf dem Thron sitzen. Also gewiß habe ich nicht den Westen gesucht. Das glaube ich nicht. Da ist dann schon so eine linke Veranlagung immer gewesen. Genau kann ich das nicht mehr nachvollziehen. Aber wenn ich mich so erinnere, als „Flüstern und Schreien“ rausgekommen ist, muss ich schon sagen, geht es schon um die Herrschaft der Intelligenz, in irgend einer Form, wie naiv das auch immer gedacht ist.
R: Du warst ja damals auf der Suche nach den Dichtern und Denkern.
K: Nach den Köpfen.
R: Where are the hereos today.
K: Also ich behaupte auch mal, dass ich in dieser Zeit mehr die Suche betont habe. Als das ich behauptet hätte, ich hätte etwas gefunden. Den Stillstand überwinden, irgend etwas bewegen. Also es war eher so ein geistiger Aktionismus, ohne da Lösungen gefunden zu haben, was das denn hätte ersetzen können.
R: Wer waren denn zu dem Zeitpunkt deine Einflüsse?
K: Müller kam ja erst Ende der 80er, Nietzsche überhaupt erst mit der Wende. Das waren schon die ganzen deutschen Expressionisten eher. Also ich habe auch keine Philosophie gelesen zu dem Zeitpunkt. Das war alles eher Theater und Lyrik. Also Gottfried Benn und Erich Mühsam.
R: Und Musik?
K: Musik, das wechselte ununterbrochen. Je nachdem, wie die Proliferation des Freundeskreises zuschlug. Also es wurde einfach dann immer härter und experimenteller. Und dann Mitte, Ende der 80er dann Neubauten-Umfeld, Crime and the CitySolution, Lydia Lunch und dann gab es ja auch schon Nick Cave und Joy Devision und Sister of Mercy.
R: Du hast vorhin von der Stasi gesprochen und von IM. So Mitte, Ende der 80er wusste man ja noch nicht, dass es IM gibt bzw. dass die IM auch innerhalb einer Szene aktiv sind. Oder?
K: Na doch. Was mich angeht, kann ich mich sehr gut erinnern, da mein Vater mich immer gewarnt hatte. Er sprach immer von seinen Studienzeiten. In einer Studiengruppe ist nicht nur einer, sondern sind immer mindestens zwei. Denn einer reicht nicht, denn einer könnte ja kneifen und einen falschen Bericht schreiben. Und es gibt noch einen, der das gegencheckt. Und spätestens an dem erkennen sie das, ob der eine nun Mumpitz schreibt und pressen dann nach, dass der auch die Wahrheit schreibt. Das fand ich schon, war allgemein bekannt. Also auch in der Szene, in der ich mich bewegte.
Also man hatte es sicher nicht so stark gedacht, wie stark das vernetzt ist. Aber dass das möglich ist, war doch schon bekannt und man nahm das auch hin.
R: Aber trotzdem war der Schock dann nach der Wende doch ziemlich groß, als dann rauskam, dass bei der Firma beispielsweise gleich zwei Leute Zuträger bei der Staatssicherheit waren.
K: Mit der Firma hatten wir nie so richtig zu tun. Wir hatten vielleicht so fünf, sechs Konzerte zusammen gespielt. Das ergab sich dann immer so. Das war für uns eher ein Lacher.
R: Warum?
K: Wir waren kurz nach der Wende zusammen gleich in Paris und da haben die sich vor diversen Westkameras als extreme Anarchisten dargestellt und Trotzkisten. Also haben extrem heroische Interviews geführt, als die Frontbrigade schlechthin. Und insofern war das dann ein Lacher.
Obwohl ich das bei Trötsch weniger dramatisch sehe. Vor allem hat der das ja immer allen erzählt, nur hat das keiner ernst genommen.
R: War denn nach der Wende für dich auch ein Thema, ein Blick in deine Stasiakte zu werfen?
K: Ja, ich habe die angefordert, aber ich habe nur zwei Karteikarten gekriegt, wo nichts oben stand außer: „Leiter der Gruppe Sandow“, in Klammern „subversive Texte“, es war irgendwie ein einfacheres Wort. Kritisch nicht, staatsfeindlich auch nicht. Irgendwie so ein ähnliches Wort. Und die Akte dazu war weg, nicht auffindbar. Danach habe ich dann noch einen Antrag gestellt.
In Cottbus habe ich das von einigen anderen gehört, von unserem späteren Manager, bei dem auch die kompletten Akten weg sind. Also ich warte da immer noch.
R: Also das interessiert dich auch?
K: Ja. Ich habe da sicherlich einen gelassenen Blick drauf, aber das interessiert mich schon rein technisch. Also auch als Schreiber, also wie und wer.
Bei einigen weiß man es inzwischen auch. Aber das hat mich auch nie sonderlich umgehauen.
R: Man hatte ja damals immer so den Eindruck, das die Szene der anderen Bands mehr oder weniger homogen ist, musikalisch aber doch so untereinander vernetzt erscheint. War das tatsächlich so oder gab es schon Mitte, Ende der 80er Spannungen oder Bands, mit denen man nicht so tun haben möchte?
K: Kann ich mich eigentlich nicht erinnern. Also wenn dann höchstens privater Natur. Also mit Freygang hieß, dass man mit Greiner Pohl sich rumärgern musste, obwohl ich den ziemlich mag. Aber ich wusste, dass Chris und er sich nicht sonderlich mögen. Aber ansonsten nicht. Das war schon homogen. Aber einen wirklichen Austausch würde ich jetzt auch nicht behaupten. Also man traf sich immer auf den Konzerten, da die Veranstalter immer Geld genug hatten, immer zwei bis drei Bands spielen zu lassen. Und da ging es immer nur um die leidige Frage, wer spielt denn zuerst, weil das nie geklärt war. Weil es ja keine Hirarchie gab im Sinne von wer ist der fette Act und wer macht den Support, also wie das im Westen geklärt ist. Da gab es dann eher so Rangeleien.
Also auch bei „Flüstern und Schreien“ gab es Rangeleien. Wer kommt da rein, also die Berliner Fraktion...
Also je professioneller es wurde, desto mehr gab es eher professionelle Rangeleien.
Dann gab es auch die zunehmend wichtiger werdenden Manager, die die Fäden in der Hand hatten, den Konzertbetrieb aufrecht zu erhalten. Da hatten wir auch eigentlich immer ganz passate, gute Beziehungen.
Da hatten wir auch immer zum Erstaunen der Berliner, die sich schon als Insel wähnten und Vorhut bildeten, immer den Fuß drin. Ob das nun der Kleeblatt-Sampler war oder dann „Flüstern und Schreien“ oder auf der Paroktikum-Schiene. Ich weiß nicht, warum das immer so geglückt ist. Aber wenn man so heute diese Bücher liest „Die anderen Bands“, ne „Ich will immer artig sein“, wo wir kaum drin vorkommen außer mit verschiedenen Fehlinformationen, wir wären auch eine FDJ-Band gewesen, was dann wieder andere Bücher kolportieren, die schreiben das da ab, was aber überhaupt nicht stimmt. Bis zu dem Feeling B-Buch, die den Film auch darstellen, als wäre der ganze Film nur Schrott ohne sie. Da spürt man schon diese Berliner Sicht. Wo ich dann immer schmunzle, dass wir den Weg da rein gefunden haben und jetzt selbst auf das Cover der DVD „Flüstern und Schreien“. Das wir jetzt hier sind und nicht die ach so wichtigen Berliner Feeling B oder Silly...
Ich weiß nicht, ob das da Erstaunen hervorgerufen hat, aber vielleicht waren die dann schon so penetrant und arrogant, dass die bei den entsprechenden Entscheidungsträgern immer verrissen. Also ich weiß zum Beispiel, „die anderen“ waren für diese beiden Projekte auch immer schon in der Anfangsphase im Gespräch, also für Kleeblatt 23 und für den Film. Aber die haben zu viele Bedingungen gestellt, wie das alles auszusehen hat, der ganze Film. Darüber haben wir uns nie Gedanken gemacht, wir haben bloß immer versucht, unseren Platz zu bekommen.
R: Wie ist denn eigentlich der Film entstanden? Weil eigentlich sollte er doch nur Silly und Chicoree zeigen?
K: Ja, Pankow sollte eigentlich noch darin vorkommen und „die anderen“. Aber „die anderen“ haben das Skript gekriegt und das Skript, das habe ich selber nie gelesen, das las sich natürlich DDR-realpolitisch, wie die junge Szene betrachtet wird. Die Punks kamen da noch gar nicht vor in dem Skript und die wollten darauf Einfluss nehmen und sind dann bestimmt mit der Regie aneinander geraten. Pankow war genauso ähnlich widerspenstig, glaube ich, die wollten auch einfach zu viel mitreden: Wie werden sie dargestellt und so. Und uns war das völlig schnuppe, wir wollten einfach dargestellt werden. Also dass es so viele verschiedene Möglichkeiten gibt, dargestellt zu werden, war uns ohnehin nicht bewusst. Wir dachten, die Kamera geht an und dann machen wir schon unser Ding.
Und wir haben die Macher, die ja lange recherchiert haben, auf einer Zugfahrt getroffen. Wobei wir in Leipzig zwei Damen hinterhergestiegen sind, die auf dem Bahnsteig auf und ab liefen, wobei die eine heute Moderatorin von Focus-TV ist; also die wir einfach scharf fanden. Und wir sind denen hinterhergestiegen und die sind in das Abteil von Dramaturg und Regisseur, weil die bei denen an der Angel hingen, irgendwie. Und da sind wir in das Abteil mit hineingeswitchet, weil wir den Hühnern auflauern wollten und kamen dann mit den beiden in Kontakt. Wir haben dann Lunte gerochen und uns gleich ausgebreitet und selbst dargestellt. Das fanden die interessant. Die kamen gerade von Die Art aus Leipzig, die unseren Startplatz hatten und was ich auch jetzt erst im September erfahren habe, die wir dann verdrängt hatten; durch unsere Extrovertiertheit, was dann für den Film viel poetischer war, meinten sie eben: mit dem Fahrrad rumfahren war eine ganz andere Note. Die Art war für sie musikalisch richtig klasse, aber sie waren für die zu introvertiert und so flogen die da wieder raus. Und Feeling B kamen dann als letzte dazu. Und die haben sich ja auch immer irgendwo dran gehangen, eingemischt und blieben dann.
R: Und zu der Zeit ist ja dann der Kleeblatt-Sampler entstanden?
K: Ja, das war so recht parallel. Also wir haben in Suhl gespielt, da war die FDJ-Werkstattwoche, wo Amateurbands gespielt haben, aber auch die frische Liga... Nee, das stimmt gar nicht. Wir haben noch gar nicht gespielt, wir waren erst als Beobachter, Chris und ich wir waren 17, wir waren eingeteilt als Beobachter der Cottbusser Delegation hinzufahren. Und das war auf der selben Zugreise wie die mit den Flüstern und Schreien – Leuten, die da auch hinfuhren. Und wir mussten da umsteigen in Leipzig. Wir haben uns rechtzeitig von der Cottbusser Delegation abgeseilt, weil das die ganzen Altrocker waren und sind dann so durch Suhl getigert und haben dann gesehen, dass da ein Redakteur von Amiga rumsprang. Und den haben wir irgendwie kontaktet und nass gemacht und haben richtig gehend den großen Macker gemacht. Also, dass das, was wir machen etwas ganz großes ist, was noch keiner kennt und dass das unbedingt veröffentlicht werden muss. Und dann ist der irgendwie auf den Trichter gekommen und fing an sich dafür zu interessieren. Also ich glaube, bei dem waren wir auch die ersten, die das Projekt quasi ins Leben gerufen haben.
R: Gab es da irgendwie Vorgaben bei der Auswahl der Lieder oder konntet ihr eure drei Lieder so als Idee, sind die einfach so durchgekommen?
K: Die sind einfach so durchgekommen. Da gab es null Änderung.
R: Und kurz darauf muss ja schon die Idee zur Platte entstanden sein.
K: Klar, das war das penetrante Prinzip: Weiter drücken! Und fordern, dass das Erstlingswerk kommen muss. Da waren wir auch nicht allein. Da gab es ja diese kleinen Platten, ich glaube die Skeptiker haben dann eine Single gekriegt...
R: Die anderen Bands hieß das.
K: Die anderen Bands, ja. Quartett-Singles hieß das. Da gab es eine Menge Bands, die Ambitionen hatten, die gedrängelt hatten bei Amiga. Und ich glaube auch da sind wir wieder durchgekommen... Wir waren die ersten, die produzieren durften, auch wenn wir nicht die ersten waren, die veröffentlichen durften. ...weil wir irgendwie aus Cottbus waren und nicht so genervt haben und für die besser berechenbar waren, einfach in ihren Augen die netteren Jungs. So etwas war da möglicherweise entscheidend.
R: Aber trotzdem lief es ja nicht ganz glatt. Die Platte ist ja erst relativ spät rausgekommen, weil ja die Mastertapes verschollen waren.
K: Die waren nicht verschollen, das ist dann so ein Promo-Mist, den unsere nächste Plattenfirma in Umlauf gebracht hat.
R: Fluxus?
K: Ja. Die Redakteursebene war sich völlig einig und bei Amiga mussten viele entscheiden, ob das geht. Und das ging durch: vom Redakteur zum Chefredakteur, vom Chefredakteur zu Abteilung Tasche, Abteilung Tasche war Cover, Abteilung Tasche zu Abteilung Vertrieb und Abteilung Vertrieb zu Direktor Produktion. Und jeder hatte Veto-Recht auf dieser Route. Und dann Direktor Amiga – ging auch noch durch und dann hat der Generaldirektor Deutsche Schallplatte „Stop“ gesagt. Das ist ihm doch zu politisch, das ist ihm doch zu heikel, dieses „Born in the GDR“.
R: War es tatsächlich nur dieses eine Lied?
K: Das war dieses eine Lied. Und das war für uns aber nicht möglich, das herunter zu nehmen. Also nur insofern, das wir schlimmere Angebote gemacht hätten. Also wir wollten dann „Harmonie & Zerstörung“ drauf nehmen, was damals schon existierte, in der Hoffnung, dass sie doch sagen: „Na, dann macht mal doch ‚Born in the GDR’“, weil das war dann schon klar.
Die Aufnahme von „Born in the GDR“ kam auch in Suhl zustande, als wir das Jahr drauf oder zwei Jahre später in Suhl gespielt haben und da zufällig ein Rundfunkmitschnitt stattfand und wir das gespielt haben, da hat ja auch keiner vorher mehr die Listen sehen wollen. Und da war das on Äther, und DT 64 war damals schon eine Nase voraus. Und dann beriefen wir uns immer wieder auf den Airplay, dass das schon gesendet worden ist und dann kamen die darauf, dass das legalisiert ist und dann meinten die: „Ihr könnt das produzieren, aber das produziert der Rundfunk. Der Rundfunk übernimmt die Verantwortung, die ideologische Verantwortung und wir bringen es dann raus, im Herbst.“ Und beim Rundfunk haben wir dann jemanden getroffen, Walter Schickan , der in uns ein kleines Perestroika-Projekt, so für sich privat, ausmachte, der eigentlich schon eher so ein Apparatschik war, aber dann so aufbrach, ein netter, warmherziger Mann und mit uns dann so ein Experiment machte. Wir brauchten nicht ins Studio in der Nalepastraße zu gehen, unter Aufsicht, sondern wir konnten in ein Privatstudio gehen, im Vogtland und konnten die komplett produzieren dort. Es wurde alles bezahlt. Er hat das auch abgenommen. Der ganze Rundfunkrat hat das abgenommen und es wurde wieder zurück zu Amiga gegeben und da sagte wieder der Generaldirektor: „Stop.“ Er kann es, auch wenn der Rundfunk es ideologisch absichtert, dennoch nicht tun. Und dann hat der das ins Ministerium für Kultur weitergegeben und da wurde es dann endgültig abgelehnt und da blieb das dann auf Eis, bis die Mauer fiel.
R: Wie ist das Lied entstanden? Ist das durch den Bruce-Springsteen-Auftritt in Weißensee inspiriert, als die ganzen Blauhemden „Born in USA“ mitgröhlten?
K: Ich war den Tag davor in Weißensee um die Rainbirds zu sehen und James Brown und bin dann wieder zurück und habe das dann im Fernsehen gesehen. Also wie die Witt ausgepfiffen wurde und wie die Zöllner ausgepfiffen wurden und dann Springsteen spielte. Wir hatten danach noch eine Probe und das kam dann sehr spontan. Innerhalb einer Stunde war das Stück fertig. Also schon zu der Zeit völlig ungewöhnlich für ein Sandowstück, weil Stücken doch lange brauchten um fertig zu werden, weil damals die Stücken schon anfingen kompliziert zu werden. Weil immer der Anspruch da war ein kompliziertes Lied zu schreiben. Um Gottes willen keine 4/4-Takt-Strophe, Refrain, sondern da muss sich noch ein 5/4 dazwischen mogeln und Brücke so und so und winzige Bausteinchen. Also Arrangements waren uns immer sehr wichtig. Und das war bei dem Lied anders. Das kam aus dem Bauch, war da und blieb.
R: Es wurde ja im Prinzip so eine Wendehymne, nach der Wende konntest du es irgend wann nicht mehr singen.
K: Ja, doch recht schnell, ich glaube schon 91, fand ich das doch recht peinlich, also DDR. Und die Stimmung im Osten schlug recht schnell um, in dem die Ostler doch gerochen haben, dass es im Westen doch hart zugeht, möglicherweise so hart, wie sie es im Staatsbürgerkundeunterricht früher gelernt haben.
R: Aber trotzdem war dir ja die Ostalgie total zuwider.
K: Das war mir total zuwider. Weil ich den Westen in jedem Fall als Befreiung empfunden habe und ich konnte mir unmöglich vorstellen, dass das wieder zurückgeht. Was ja auch nicht denkbar war. Aber wenn es schon nicht denkbar ist, dann darf man dem nicht hinterher jammern. Ich bin nicht unbedingt der heroische Typ im Privatleben, aber wenn es um die Arbeit geht, kann ich Jammerei nicht ausstehen, denn das ist nichts als pures Gift, das kann ich in meiner Arbeit nicht gebrauchen. Und da funktionalisierte sich das von selbst, in dieser Schiene.
Und wir waren in dieser Zeit auch einfach schon auf diversen Drogen und das war einfach lächerlich, über die DDR überhaupt nachzudenken. Also es war schon lächerlich Ende der 80er. Also 89 begann ja bei uns schon die starke Autarkisierung, also dieses starke Bedürfnis nach Autismus, nach autarken Strukturen und gänzlich unabhängig von Systemen. Also System nur als System zu betrachten, unabhängig, wie sich die Systeme organisieren. Am Anfang haben wir das, bestimmt noch bis Mitte 90 gespielt, und dann war Schluss damit.
Und dann irgend wann gab es noch einmal, ich glaube Mitte 91, vier, fünf Konzerte, wo wir es dann wieder gespielt haben, als so die Nazipower losging und die Konzerte jeden Abend so ein Trutzburgstellung einnahmen. Der Club wurde verrammelt, alle Fenster dicht, alle Fans waren gleichzeitig in der Rolle, den Club zu verteidigen, weil jeden Abend die Anschläge waren. Und für die Fans haben wir es nochmal gespielt, weil die immer am lautesten nach Born in the GDR schrieen, um dieser Front noch so ein bißchen zu helfen, dass wir es denen noch so ein bißchen geben, aber ich habe mich dabei auch nie wohl gefühlt. Wir haben es dann doch wieder abgesetzt.
R: Wie hast du denn die Wendezeit denn insgesamt empfunden? War das so diese Aufbruchstimmung, die man sich heutzutage so vorstellen kann? Denn bei vielen Bands ging es ja nach der Wende ziemlich steil bergab und Sandow starteten richtig durch.
K: Die Wende grundsätzlich, also als es mit dem ganzen Resolutionsgeschrei losging, war uns sehr suspekt. Also welche Elemente dann da plötzlich aktiv wurden und wir haben das dann ein Weile auch nicht unterschrieben, den Schriebs (die Resolution der Unterhaltungskünstler, Anm. der Red.), weil wir immer noch in Cottbus wohnten und gerade unseren Berufsausweis gekriegt hatten. Und die Leute, die das initiert haben, waren für uns ohnehin die Mucker. Also die Sillys, Pankows, sonstwas. Und mit denen in einer Reihe zu marschieren war uns grundsätzlich suspekt. Wir hatten ein Konzert mit Pankow, wo die wollten, dass wir das mitunterschreiben, wir das aber nicht gemacht haben. Also Herbst in Peking war gerade verboten worden und auch um diese autonome Stellung zu behaupten. Also wo wir meinten, dass wir viel mehr zu riskieren haben, wenn wir das unterschreiben. Also auch ein Gefühl von Angst. Denn den etablierten würden sie nie den Kopf abreißen, aber wir, wir sahen uns immer noch mehr als gefährdet und haben solche Schritte immer noch bedächtig gewählt. Also wir haben ja bestimmt mehr riskiert als die Jungs. Aber so in der offenen Konfrontation kamen wir aus einer anderen Sozialisation heraus. Da war immer erst einmal taktieren angesagt. Also nicht gleich das Visier runterlassen, sondern den Gegner beobachten, überlegen, abwägen. Das wurde uns von Andre Herzberg später mehrfach eingeschenkt: Er kennt jemand, der als großer Held gefeiert wird, aber doch ein Feigling gewesen war, was ich verstehe, wenn er das macht. Aber unsere Situation war schon anders. Die kamen da aus Köln, die Backstage lag voller Marlboro, Coca Cola und überall Stasi-Leute. Die hatten eine ganz andere Position und wir haben in den Texten wesentlich mehr riskiert als die, auch im Theaterstück. Wir haben diesen Schritt dann nicht gleich mitgemacht. Später haben wir das dann auch unterschrieben, als dann eher klar wurde, das war dann Ende September, dass wenn du das nicht unterschreibst, dann knüpft dich die andere Seite auf. Und das ist fast noch riskanter. Also unser Manager hatte gleich unterschrieben, aber wir haben das erst einmal außer Acht gelassen. Manchmal habe ich das bereut, aber inzwischen sehe ich das auch gelassen aus der Entfernung. So war es eben. Und so war auch immer unsere Taktik gewesen: die Einheit der Gruppe bewahren, ganz wichtig, wichtiger als alles andere. Also auch als sie uns zur Armee holen wollten und wir das auch überlebten.
R: Das heißt, ihr ward gar nicht bei der Armee?
K: Nöö. Die FDJ hatte uns versprochen, dass wir als Gruppe gehen können, also so 87 oder so, und da als Gruppe weiterleben können. Das war das einzige Angebot, was wir angenommen haben. Alles andere wäre für uns fatal gewesen. Und dann lief es aber gar nicht wie versprochen, sondern das war für die genau der richtige Moment, um uns zu splitten und nur ich bekam den Einberufungsbefehl und die anderen nicht. Und dann habe ich Hals über Kopf von der DEFA die Bescheinigung geholt, dass ich nicht abkömmlich bin, von der Kulturfront gerade, wegen „Flüstern und Schreien“, habe da Aufschub gekriegt und bin im Wehrkreiskommando einem Offizier vorgesessen, der sich meine Story angehört hat und mein Schreiben las. Der war überhaupt nicht eingeweiht, wie sich dann herausstellte, der fragte nämlich, wie die Gruppe heißt und ich sagte dann „Sandow.“ „Ach, Sandow, da wohne ich ja auch. Und sie machen da die Gruppe bekannt, unseren Stadtbezirk?“ Ich sage „Ja, ja.“ „Na das ist ja schön. Da kommen Sie auch richtig rum?“ „Ja, wir kommen da richtig rum.“ „Da erfahren alle, dass Sie hier aus unserem schönen Stadtbezirk kommen?“ Ich sage: „Genau.“ „Na, das ist schön, das müssen wir unterstützen. Aber Sie sind sich natürlich bewusst, dass das nicht an Ihnen vorbei geht?! Da kommt das später.“ „Auf jeden Fall.“ „Na gut, dann machen wir das so.“
Da war ich total verblüfft, dass die nicht total vernetzt waren, die einzelnen Organisationen. Das hätte die ja einen Arsch interessieren können, das DEFA-Schreiben. Vielleicht war es auch eine Vertretung, ich weiß es nicht. Irgendwas ist da schief gelaufen. Und so kam ich darum herum.
So war unser Hintergrund gewesen. Als die Wende kam, fand ich das eher unangenehme Typen, die da die Resolutionen an die Wände brachten, und befremdlich an sich, dass wirklich ein Haufen Leute aus der Versenkung kamen, die in meinen Augen eher Opportunisten waren, die dann plötzlich vor aller Augen die Revolutionäre spielten, als Honecker schon abgetreten war.
Und wir waren ja schon in eine Phase eingetreten, also so Stücke wie „Gegner Ich“, „Harmonie & Zerstörung“, , also das Herausziehen aus allem Gesellschaftlichem. Als dann mit einem Mal Schlappsäcke in vorderster Front standen und die Fahne hochhielten. Und so habe ich das dann auch eher so als völlige Wohnzimmerrevolution miterlebt. Wir hatten ein paar Konzerte, die waren schon an vorderster Front. In Magdeburg, wo wir vor 2000 Leuten live gespielt haben und die nach „Born in the GDR“ das Publikum zusammengeknüppelt haben.
R: Polizei?
K: Polizei. Da hatte einer einen Asthma-Anfall und das ganze Publikum war eingekreist von der Polizei. Und wir riefen dann immer, dass medizinische Hilfe rangeholt werden müsse und die Bullen haben niemanden durchgelassen und der krepierte da offenbar. Und wir schrieen da über die Mikros die Bullen an: „Es müsse jemand kommen, der krepiert.“ Und das brach dann natürlich auch das Publikum auf und die schrieen dann „Ihr Bullenschweine“.
Und dann gab es noch ein, zwei Konzerte in Dresden, wo wir es schon so miterlebt haben. Cottbus waren so mit die letzten, die irgend etwas gemacht haben, die haben ja in Dresden schon kein Benzin mehr gekriegt. (unverständlich) Als die dann in Cottbus ihre erste Stasi-raus-Demo gemacht haben, gegenüber vom Theater, da habe ich damals gewohnt, im Erdgeschoss, saßen wir dann in den offenen Fenstern und haben gesoffen und geguckt, wie die demonstrieren. Später haben wir dann im HDJT gespielt, da war diese Schabowski-Ansage zu der Mauer und da bin ich mit dem ersten Strom über die Bornholmer rüber. Aber da hatte ich sofort nach zwei Stunden Westen ankieken den Reflex „Ich muss hier wieder weg.“
R: Was war deiner erster Eindruck?
K: Grell. Viel Geruch. Mein erster Eindruck war der Ostler, der da nun in Scharen rüber ist, der fuhr ein Stück mit dem Bus, der bereit gestellt war, bis Osloer Platz, dann ging es in die U-Bahn. Und zwei, drei Ossis hatten Sektpullen dabei und machten die nun auf und „Jaha ... eh, gib mal einen Schluck ... Nö, du kriegst nischt.“ Die hatten schon mit Übertreten der Grenzlinie eine Methamorphose hinter sich, also ein Schluck teilen, was für mich völlig normal war, weil unter Ostlern war das kein Problem, also wenn irgendwo jemand was gesoffen hat, hast du immer einen Schluck abgekriegt, da war schon so ein Schalter umgelegt. Das war dann plötzlich nicht mehr möglich. Und dann sehr schnell der Reflex, die machen die Mauer bestimmt schnell wieder zu und dann stehst du hier im beschissenen Westen und ich habe doch morgen ein Konzert in Hoyerswerda zu spielen. Ich will hier nicht sein. Mach, dass du wieder zurück kommst. Das war der Reflex „Verschwinde hier“.
R: Wie ging es dann mit der Band nach der Wende weiter? Also hat man sich auf euch gestürzt?
K: Ja. Wir hatten sogar ganz schnell einen Produzenten, der sich für uns interessierte, Jor Mulder , der uns sofort signen wollte, für eine mittelgroße Indiefirma, Modern Music , und für den wir eine ganz sichere Bank waren. In den seinen Augen war es nur eine Frage von „die Jungs ins Studio kriegen“, dann knallt das mörderisch. So hat der sich auch dargestellt. Schon in der Begrüßungsansprache hat ergesagt: „Also ich will es euch ganz unverblümt sagen, ich will der sein, dem man in Cannes auf die Schulter klopft und sagt: ‚Danke Jor, danke, dass du die Jungs da raus geholt hast, aus dem Osten’, und dass du sie der Welt gegeben hast.“ „Äh, was hast du da gerade gesagt?....“ Wir konnten überhaupt nicht verstehen, was der da erzählt hat, das war uns fremd. Er fuhr aber einen Maserati und hatte so beeindruckende Sachen vorzuweisen wie ein Riesenstudio und hatte Riesenmöglichkeiten und war ein angenehmer und umgänglicher Typ, der auch die Westberliner Szene kannte und uns da auch vorstellig machte. Also immer Nachtleben auch, aber andererseit auch immer mit Sachen konfronierte, mit denen man überhaupt nichts anfangen konnte. „Was für ein Image wollen wir mit euch aufbauen? Wie stellt ihr euch das vor? Wollen wir eher so die tiefschürfenden Rocksäue aus euch machen oder doch so eher Morisson auf Brechttrip irgend wie, aber irgend wie mit so...“ Ich kann mich nicht mehr genau erinnern. „Also wie meinst du das jetzt überhaupt, wir sind doch jetzt schon eine sieben Jahre alte Band. Was willst du jetzt aus uns machen, wir sind doch schon da.“ „Na klar seid ihr da, aber das ist ja immer eine Frage von Darstellung. Na, wir werden noch einmal ein Interviewtraining machen. Das wird ganz wichtig sein.“ „Interviewtraining?“ „Klar, du kennst die ganzen Interviewer nicht, was die für Fragen stellen. Da musst du gerüstet sein.“ „Aha, da mach doch mal Interviewtraining.“ Das war uns fremd.
Und dann war er derartig von den Socken, dass unser Lied „Gegner Ich“ die Platte zum Kippen brachte, also zum Kippen brachte in den Kritikeraugen, als Neubautenabklatsch. Was uns dann vorgeworfen wurde, obwohl das Stück rein zufällig auch einen Monolog am Anfang hatte. Für mich war ganz klar, damit fängt die Platte an. Die Neubauten hatten gerade Haus der Lüge mit diesem Monolog draußen. Und der war völlig von den Socken, als diese Platte floppte und der Osten auch nicht mehr diesen Rückhalt bot. Also die erste Platte ging 25000 mal über den Tisch und „Der 13. Ton“ nur noch mit 7000, weil der ganze Osten am Umorientieren war. Die Firma hat natürlich weiter investiert.
R: Wie kamt ihr den im Westen an? Also konnten die Fans damit was anfangen? War das verwirrend? Hat es sie zum Beispiel gestört, dass ihr mit vielen Metaphern gesungen habt?
K: Die haben uns mit Cassandra Complex auf Tour geschickt und das war für die Gruftie-Szene, die konnten nicht viel mit uns anfangen. Und die Bands, die so in der Szene gespielt hatten, die wir hätten auch erreichen können, die haben uns nicht mitgenommen.
Wir haben in Frankreich gespielt, da sind wir sehr gut angekommen. Ansonsten sind wir im Westen, glaube ich, schon mit dem Ostmakel gestartet. Also der Westler wollte eigentlicht nichts wissen vom Ostler.
R: Habt ihr versucht das irgend wie abzustreifen? Sich künstlich gegen diesen Ostmakel zu sträuben?
K: Es war unmöglich. Also die Presse war die ersten Jahre doch sehr interessiert und aufgeschlossen, wir hatten eine großartige Presse. Also dann spätestens nach der „Fatalia“ wurde uns dann auch bescheinigt, das wir keine Epigonen sind, sondern unser eigenes Ding machen, das man dann eben einordnen kann. Aber das Publikum hat das nicht mehr interessiert und du hast das nie losgekriegt.
Der Arsch war zu abgespielt, als dass wir auf die Knochentour im Westen gingen. Also für 300 Mark in Böblingen spielen und für 400 Mark runter nach Freiburg und am nächsten Tag nach Bremen für 200 Mark, das war mit uns nicht mehr drin. Das haben wir abgelehnt.
R: Also habt ihr dann mehr Osttouren gemacht?
K: Wir haben immer mehr Osttouren gemacht und mal in Hamburg gespielt, mal in Hannover... Wir haben nie den Fuß reingekriegt in den Westen.
Nach dem „13. Ton“ haben wir dann „KanGuru“ gemacht, das war dann zuviel Kunst. „Fatalia“ hat unglaubliche Kritiken gekriegt, ist aber beim West-Publikum völlig durchgefallen. Weiß nicht, vielleicht 4000 Platten. Der Westen war völlig uninteressiert, alles zu kompliziert, zu tief, das ging dem viel zu weit.
Und dann war die Schiene im Westen natürlich auch schon abgelaufen. Also wo das größere Publikum, das sich für so etwas noch interessiert hätte, hatte inzwischen gewechselt auf die nächsten Moden, die einfach kamen. Die haben sich nicht mehr mit Existenzialismus beschäftigt. Da kam Grunge. Das war rockig, straight, Ami... So Ende der 80er waren die noch viel mehr bereit auch mit offenen Strukturen umzugehen.
R: Hat das auch bandintern für Krisen gesorgt?
K: Oh ja, es gab eine Fraktion, die wollte, dass wir weiter rocken, so wie die ersten beiden Platten und ich wollte immer weiter weg davon. Ich fand das öde, sich einfach zu wiederholen. Also mir war das auch sehr gleichgültig, ob da draußen irgend wer auf etwas wartet oder nicht. Ob es schwer wird die Konzerte zu spielen, es war schwer die Konzerte zu spielen. Auch selbst für das eigene Publikum, was ja immer noch da war. Und wir haben jedes Jahr immer mehr Publikum verloren.
R: Hast du mal überlegt hinzuschmeißen?
K: Nö, nie. Das war meine Mission.
R: Wovon hast du zu der Zeit gelebt?
K: Alles Mögliche. Also immer schon die soziale Schiene gesurft, also Arbeitslosenhilfe, dann hat die Stadt Cottbus sich bemüßigt gefühlt uns einen Tribut zu zollen. So für die heißen Jahre in Cottbus. Wir waren ja der bedeutendste Act, den die Stadt hervorgebracht hatte. Wahrscheinlich nicht der berühmteste, aber etwas Tieferes gab es garantiert nicht seit Carl Blechen und Fürst Pückler. Und die haben uns zwei ABM-Stellen beschafft, in den 90ern. Das hieß dann Kreativwerkstatt, irgend so ein Mumpitz. Das gab es nur auf dem Papier. Ein paar Jahre lang haben wir damit gelebt. Zum Schluß waren wir dann so frech und haben das dritte Jahr eingefordert. Und da hättest du festeingestellt werden müssen. Aber das haben sie dann doch abgelehnt uns fest anzustellen. Und dann wurde es auch ruchbar und man war auch zuviel betrunken. Und dann wurde es bei anderen Musikern in Cottbus auch ruchbar, wir wohnten schon gar nicht mehr in Cottbus, waren immer noch Kreativwerkstatt Cottbus. Also das war das zweite Jahr.
R: Wann seid ihr nach Berlin gezogen?
K: 93, 92 gab es die ABM. Und dann wurden die, die die schützende Hand über uns hatten erpresst. Dass das natürlich ins Geld geht und die dann auch so eine Stelle kriegen müßten. Ich glaube Schmidte wollte auch so eine Stelle bei der Kreativwerkstatt. Die alte Ostschule im Untertauchen. Und dann musste man immer mehr Berichte abfassen. Das habe ich dann jeden Monat gemacht. „Treffen mit polnischen Musikern“ habe ich dann geschrieben, „Workshop mit Behinderten“ und was weiß ich.
Darauf, auf die ABM gab es natürlich wieder Arbeitslosengeld. Also wie das so geht oder nicht mehr geht. Dann habe ich eine Stelle gekriegt und wieder angefangen zu arbeiten.
R: Was?
K: Bei Johnny Klymack als Studieassistent.
R: Wie hast du denn dann so die Berliner Szene erlebt? Im gesamten, vereinten Berlin oder speziell die Westberliner?
K: Die Westberliner habe ich bis 91, als lustigen alten Gammlerhaufen erlebt. Ganz schnell wurden die alle zu Museumsstücken. Also ich war ja immer nur in zwei, drei Bars unterwegs. Absturzdreieck, Gogobar, Ex und Pop und Mittenwalder. Im Ex und Pop haben sie immer gewartet, dass Nick Cave mal wieder reinkommt oder Blixa oder Ben Becker. Am Anfang waren die ja auch noch zu sehen. Aber die kamen immer seltener. Da saß immer diese ewige Riege. Die haben gewartet, dass die Meister mal wieder kommen.
Ansonsten war das eher durchwachsen. Es gab tolle Freundschaften, bis heute, mit Peter Gruchot dem Fotografen, der mich auch ganz viel in die Szene eingeführt hat, ein Intimus der Altberliner Szene, Monika Döring, ein Enfant Terrible, die Veranstaltungen gemacht hat im Loft. Unter den Musikern gab es nur äußerst begrenzten Austausch, da gab es nur zwei, drei Leute, mit denen wir die „Ngoma“-Shows gemacht haben. Endruh Unruh, Micha Wrzyschinski, Peter Pop , Toby Burdon. Aber so Leute wie Blixa Bargeld, Caspar Brötzmann das war dann schon immer sehr auf der Show-Ebene. Sich treffen, abklatschen, sich umarmen. Viel mehr war da nicht, kam nicht, weil die sich immer sehr abgegrenzt hatten. Ich dachte man sitzt in der selben Schlachtreihe, arbeitet an ähnlichen Operationen, aber das stimmte überhaupt nicht. Da wurde immer abgeblockt wenn es um Ideen ging oder Kontakte. Das war dann schon oft nackter Zynismus, was man da zurückbekommen hat. Schon erbärmlich. Ansonsten war ich viel mit Australiern zusammen, so in der Drogenszene. Die Speedfreaks von „Once upon in a time“. So die verarmte Australierschicht. Die fünfte Generation von Australiern, die nach Deutschland gekommen ist .
Und mit der Dada-Clique von der KPDRZ als die noch frisch waren. Und Holger. Da gab es doch schon ein paar gute Freundschaften, sehr durchwachsene auch, jenseits vom Gesellschaftssystem. Also es waren alles so Underdogs.
R: Du hast kurz nach der Wende erzählt, dass dich das Politische gar nicht mehr interessiert, sondern im Prinzip nur noch der Rückzug ins Private möglich ist. Hat sich das irgendwie verändert oder würdest du sagen, dass das Nicht-mehr-Besetzen von politischen Feldern oder gesellschafts-politischen Entwürfen weiterhin aktuell ist? Also so eine gewisse Sinnleere...
K: Aber ich glaube nicht bei uns, weil wir uns nach wie vor so in der Forschung gesehen haben. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass ich mich ins Private zurückgezogen habe, sondern habe erst einmal eine Menge zu arbeiten gehabt. Also Nietzsche lesen, Castaneda lesen . Immer von allem gleich alles. Alle Herzog-Filme gucken, alle Lynch-Filme gucken. Also nächtelang sich mit Dingen auseinandersetzen, Weltbilder kreuzen, lang auf Speed mit irgendwelchen anderen Freaks Abstrusitäten diskutieren ohne an Weltbildformung zu denken. Das spielte natürlich pausenlos eine Rolle, wie man die Welt betrachten kann, also was man für eine Position haben könnte. Aber ich denke, es kam nie zu einer Formung. Eher, dass man zurückgeworfen wurde, immer mehr zurückgeworfen wurde, auf einen immer kleineren autarken Kreis
R: Wie war denn die Reflexion in den Medien? Also du sagtest, bei DT64 habt ihr Airplay gehabt, aus DT64 wurde Rockradio und dann später Fritz. War das anfangs für euch förderlich oder ging das auch schnell zurück. Also merkte man einfach, dass der Quotendruck größer wird?
K: Bei Rockradio B war anfangs alles noch ok. Ich glaube bei Fritz wurde es dann schon schwierig. Da gab es kaum noch Protegees, die das begleiteten.
Das war für die alter Ostmumpitz, das musste man loswerden wie die Kollegen von DT64. Denn das ist die Domain von denen und... Immer auf die nette Tour.
Und die Zeitung, klar, die dünnten sich auch aus. Klar, die komplette Ostpresse ist weggebrochen. Im Messitsch waren wir zweimal Titelbild. Und dann später, wir hatten auch Interviews in der Zillo, im Musikmagazin und weiß ich wo. Aber das spielte so einander in die Hände. Wir haben auch eine Menge kaputt gemacht, ich habe auch eine Menge kaputt gemacht. Die Radikalität wurde schärfer. Ich habe teilweise vorbereitete Interviews geführt. Also ich habe gedacht, dass man ändern kann, weil ich das so furchtbar fand, dass die Journalisten einen interviewen und dann irgend etwas schreiben, wie es ihnen gerade so in den Kram passt und Sachen quasi erfinden, das kann doch nicht sein. Manche schrieben auch die Umgangssprache. Ich dachte, man muss das anders anfassen, man ist nicht jeden Tag fit ein cooles Interview zu führen, man muss das strategisch führen, für den Leser, dass der auch etwas davon hat. Und ich habe stapelweise in meinen Augen kluge Antworten formuliert, die ich mitteilen möchte. Zu x Themen. Und hat mich jemand dann in einem Interview etwas gefragt, dann habe ich in dem Stapel gesucht, die Antwort verlesen und wieder gesucht. Spontan. Auch völlig egal, wie die Frage war, ob ich betrunken war, auf Speed und habe dann meine Zettelinterviews geführt. Und hatte dann auf die Frage, die spätestens als drittes kam: Was soll denn der ganze Mist? Wieso kannst du mir nicht einfach antworten? Aber auch dafür hatte ich ca. 20 Antworten. Immer wieder neue Variationen, die teilweise hochpathetisch waren. Da habe ich dann eben zu dem Zettel gegriffen und das verlesen. Das führte natürlich zu eingeschränkten Kontakten. Also weil das nicht mehr viele mitgemacht haben, also sich irgend etwas vorlesen zu lassen. Auch, was ich dann besonders klug finde, die BRAVO aus der Backstage geschmissen, die wollten ein Interview machen. „Raus! Wer seid ihr? Die Bravo? Ihr dreckigen Kapitalistenschweine ...Raus hier!“ Also Chancen vertan, so könnte man heute sagen.
R: Warum?
K: Das war für mich der Erzfeind. Also, ...die die Kids ins Gehirn ficken. Das waren die Schlimmsten für mich. Diesen Standard setzen des Unheils. Also ... der Konsumscheiße. Das sie die von Anfang an mit dem Irrsinn füttern. In dem Marktsegment gibt es auch kaum unabhängige Formate. Also es gibt keine Zeitung, die 13-15jährige befüttert, die so etwas wie der „Spex“ ist, also neben dem Mainstream liegt. Gibt es nicht, warum? Also es gibt nur diese drei, vier Pickelzeitungen und das war es.
Oder, wir haben mal auf dem Bizzarrefestival gespielt. Peter Rieger hat uns dort hingelotst, der wollte unbedingt uns sehen. Großer Konzertveranstalter für den Westen. Und wir haben eine halbe Stunde gekriegt, irgend wann am Nachmittag. Was weiß ich, als fünfte Band oder so. Wir hatten aber eine Menge Fans im Stadion. In der Wuhlheide draußen...das war so 92, eine Menge Fans, die dahin gepilgert sind. Und dann gab es noch die Ramones und Iggy Pop und die Fehlfarben. Das waren die Headlines. Und ich dachte schon von Anfang an: „So ein Dreck, nur eine halbe Stunde am Nachmittag. “ Und war damit nicht einverstanden. Und wir haben dann beschlossen, dass es gut wäre, wenn wir eine 20minütige Ouvertüre machen, und das war auch der Anfang unserer Ouvertürenschaft.
Bei diesem Konzert haben wir beschlossen eine Ouvertüre zu machen, die daraus besteht 20 Minuten auf der Bühne zu stehen, wie erstarrte Helden, also leicht breitbeinig, Oberkörper frei, mit dem Rücken zum Publikum. Und in den zwanzig Minuten beginnt das wie in den anderen beiden Ouvertüren, die noch folgten, auch mit solchen durch Trommeln geschrieenen Schreien und steigert sich dann irgendwann orchestral, aber in so einer Tranceschleife. Mit Musik, die in so einem propevollen Stadion doch die Gemüter erhitzt, ob sie wollen oder nicht. Ob es nun aggressiv macht oder in so eine aufbrausende Stimmung bringt. Es klang als wenn sich eine Riesendemo langsam zusammenbraut. Schon nach Revolte, aber eben auch nach Massenaufmarsch. Also so gezielter Aufmarsch. Totalitär. So ein bißchen Laibach-mäßig. Und das funktionierte auch sehr gut. Das Stadion erhitzte sich, man fragte sich, wann das endlich zu Ende ist und wann wir anfangen. Aber der ganze Anfang war letztendlich so, als ob wir uns einstimmen ein drei- bis vierstündiges Konzert, um dieses gleich abzuliefern. Also so war der Aufbau, der ganze Schwulst, der da anstieg. Also jeder im Stadion spürte, jetzt kommt ein hammermäßiger Act. Und dann hatten wir noch 10 Minuten und da haben wir uns drei richtige Bretter genommen. Also drei richtige harte Lieder, haben wir gespielt und das ganze Stadion tobte und machte und fuhr voll ab auf den Sound. Und da mussten wir runter. Die halbe Stunde war zu Ende. Und das Publikum war total sauer und die schrien „Sandow, Sandow“. Und der Veranstalter ließ uns nicht wieder rauf, weil die Zeit war um, wir waren ja bloß Futter. Und dann buhte das Publikum und pfiff, das ging natürlich gegen den Bizzarre-Veranstalter. Und das merkte der natürlich, dass der gerade von uns reingelegt wurde. Also dass wir das psychologisch irgendwie geschafft haben, das Publikum gegen den Veranstalter aufzubringen. Weil die schrieen nun Zugabe ohne Ende, ohne das wir wieder rauf gelassen wurden. Die hätten uns wahrscheinlich eine Zugabe geben sollen, dann wären sie befreit gewesen. Die waren aber störrisch, die haben gemerkt, dass sie hier verarscht worden sind: „Wir geben der Band eine Chance und was machen die, die stehen 20 Mintuten als Helden rum und verarschen die Leute.“ Ja, das hat natürlich Peter Rieger auch gemerkt, „die Kollegen sind unberechenbar, mit denen sollte man nicht arbeiten“. So gab es dann noch eine Reihe andere Geschichten, wo wir auch unseres getan haben um Kontakte, die doch recht reichlich waren, verglichen mit anderen Bands, zu zerschlagen. Wo man lieber die Finger von uns gelassen hat.
So Mitte der 90er gab es in Köln einen Musikfilm, der gedreht wurde, wo wir die einzigen Ostler waren. Der hieß „Freispiel“. Da gab es dann Killing Joke und Can und Kraftwerk und jeder hat dann einen oder maximal zwei Vertreter geschickt, wo die in so komischen Konstellationen miteinander Musik machen sollten. Vor der Kamera, also live und ungeprobt. Also das erste Mal, „macht mal was.“ Und wir kamen dahin als die einzigen Ostler, deshalb haben sie uns alle zugelassen. Wir durften als komplette Band anreiten. In der Zeit trank man in der Musikszene nur eher gepflegten Obstjuice, aber wir waren voll auf Alkohol. Und da am Set dann, das ging eine ganze Woche, da war alles erlaubt. Also du konntest trinken, was du wolltest. Es war umsonst. Und soviel Du wolltest. Wir sind natürlich eingefallen wie eine Russenhorde und betranken uns gleich fürchterlich. Weil es umsonst war, schon am ersten Abend. Chris schrie unberechenbar rum. Er saß da mit dem Regisseur an einem Tisch. Der erste Abend sollte nur zum Einstimmen sein. Alle kamen an und betun sich erst einmal. Aber Sandow war betrunken und betat sich überhaupt nicht, sondern betat sich wichtig. Und ich saß am Nachbartisch mit Mark Chung, wir haben so über Verschwörungstheorien geredet, war sehr interessant, er hatte auch eine Menge beizusteuern. Und ich höre bloß plötzlich, wie Chris das komplette Geschirr vom Tisch wegfegt und zu dem Regisseur des Film sagt: „Du Westarsch!!!“ Ich wusste nicht, was dem voraus gegangen war. Aber offenbar war die Lage prekär. Chris war den Regiesseur vor allen anderen gerade betulich als Westarsch angegangen. Chris wurde dann rausgebracht. Und ich habe denen dann gesagt, dass Chris heute Geburtstag hat und wohl einen über den Durst getrunken hat und man solle das nicht zu ernst nehmen. Und dann wurden uns Taxis bestellt, plötzlich kam jemand und sagte: „Eure Taxis sind da. Es geht ins Hotel.“ „Ach so?“ Wir wussten gar nicht, dass wir gerade nett rausgeschmissen worden sind. Und am nächsten Tag hatten wir Zugangsverbot zum Drehort und dann wurden elende Verhandlungen angestellt. Wir mussten erst einmal im Hotel bleiben und dann kam heraus, dass nur Chris nicht herein darf. Und Chris sollte sich dann mit dem Regiesseur wieder versöhnen, der war immer noch aufgebraust. Chris konnte sich mit dem nicht einigen und das fanden wir dann auch irgendwie unprofessionell. Dass der nicht den Level mal runterfahren kann. Jedenfalls sind wir in dem Film auch gar nicht vorgekommen. Außer unser Cellist Til, der mit irgend so einem von Uriah Heep, mit so einem Geiger zusammengesperrt wurde. Und als Til noch dachte, es ist Soundcheck, der hat so ein bißchen vor sich hingequietscht und rumgefitschelt, weil er dachte, es ist noch Soundcheck, kam der Regiesseur plötzlich und sagte: „Danke, Danke. Das war groß, das war Filmgeschichte. Danke.“ Und Till dachte: „Wieso, geht es nicht los, ich habe doch bloß Soundcheck gemacht.“ „Nein, nein, um Gottes Willen.“
Und wir haben dann bloß noch in diesem Hotel gelebt und haben in diesem Pool den ganzen Tag verbracht mit Trinken. Im Pool schwammen Möbel. Wir spielten Wasserball mit Hindernissen. Und sind dann auch mal nackt im Hotel herumspaziert. Und da wollte auch keiner mehr wohnen, wo wir wohnten. Und wir sind dann immer wieder hoch zum Tresen, neue Drinks holen. Das war für uns inzwischen schon so ein kleines Irrenhaus da. Aber uns hat es ja nicht gestört. Dann bin ich betrunken in der Sauna eingeschlafen, früh um vier, hätte Chris nicht zufällig eine halbe Stunde später mit einer Frau beschlossen ebendort zu vögeln, hätte er mich nie gefunden oder am nächsten Morgen dann eben tot. Und zum Schluss haben die uns dann wieder einen reingewürgt– Ich hatte noch einen Auftritt, der wurde gefilmt, und zwar habe ich mir so eine Ostfotze geschnitten, die Haare alle ab und hier so eine Muschie rein und hier so ein Strich und habe dieses Gedicht, was später auf der Anschlagplatte gelandet ist, wo ich mir vorzustellen versuche, was wäre wenn man versucht eine terroristische Vereinigung zu gründen. Das damit endet, es ist alles ok, denn laut Gesetz ist alles, was man im Zustand des Wahnsinns tut ok, dann kann der Täter nicht verurteilt werden. Also könnten wir doch jetzt alle losmarschieren. Diese Ordnung ist also angreifbar. Das habe ich da vorgetragen, auf Knien in einer NVA-Feldwebeluniform, die ich anhatte. Und habe dann, als ich das Gedicht fertig hatte, die Ostfotze in die Kamera gehalten. Und sonst beendete der Regiesseur die Einstellungen immer „Es ist total gut. Das war Filmgeschichte...“ Der saß kreidebleich da: „Bist du fertig?“ „Ja, ich bin fertig, das Gedicht ist jetzt zu Ende.“ „Gut, Danke.“ Ich bin dann wieder rausgeschnitten worden aus dem Film. Ich hatte es da in Köln geschrieben, dieses Gedicht, weil ich dachte, ich muss denen jetzt mal einen vor den Kopf brettern. Der mit seinen ganzen Vibrations... Wie sie auch alle da saßen, Gudrun Gut, Sven Regener und mit Kerzchen und Vibrations... Die haben das auch alle total ernst genommen. Kann ich ja auch gut verstehen, aber wir warenin einem anderen Film. Wir waren eher auf Konfrontation. Und die, die mit uns eigentlich in einer Konstellation oder Filmepisode eingeteilt waren, die haben wir nie kennengelernt. Die wollten nicht mit uns, wir waren Stinker und irre. Die haben sich total zurück gezogen. Jedenfalls der Hammer kam zum Schluß im Filmprospekt, ich war auch nicht zur der Premiere eingeladen, aber den Prospekt habe ich mal zugespielt bekommen. Da stand dann drin, diese Konstellation von Tilmann und dem einen von Uriah Heep. Da stand dann: „Der junge Tilman Fürstenau trifft auf sein altes Idol Soundso. Es ist für ihn das allergrößte, dass er ihn hier trifft. Und jetzt wird er auch noch aufgefordert mit ihm zu spielen. Wird er es schaffen, er ist ganz aufgeregt.“ (Lachen) Irgendwie so ein Dreck stand da drin. Unglaublich. Til kannte den überhaupt nicht. Dem war das doch völlig scheißegal. „Und dann stellt sich doch heraus, wie sich zwei Generationen wunderbar berühren können...“ Und was weiß ich für ein Kram. Der junge Tilman, der zum Gott aufschaut. Und der hat nur gedacht, er ist in einem Soundcheck und hat sich einen abgequietscht.
R: Zur selben Zeit ist auch „Flüstern & Schreien 2“ entstanden.
K: In etwa. Genau, das war in etwa die Stimmung, die du da siehst.
R: Ja, die kommt sehr radikal rüber.
K: Auch wenn die uns da etwas auf eine Sicht eingeengt haben, auf die Möglichkeit des apokalyptischen DenkensIch habe auch noch ein paar andere Formen von Denken, von Ansichten erzählt, aber die haben das dann so reingeschnitten. Das war dann für die das gefundene Fressen, „Mein Gott, ist der aber ins Dunkle abgedriftet.“
R: Für etliche von uns waren diese Gedanken sehr wichtig.
K: Für mich auch, aber es war für mich nicht das, was ich als einzige Möglichkeit sah. Das war für mich ein Weg. Also ich habe mich da immer schon so gesplittet gefühlt. So ambivalent. Wo ich mich mal dem verschreibe und mal dem. Ich will mich da nicht entscheiden. Das ist eher so tagesstrategisch.
Aber auch das war Glück, dass der Film kam. Denn der MDR und der ORB, die das Geld gezahlt hatten, denen war das deutlich zu gefährlich, zu heiß. Das war ja schon nicht mehr möglich für das Abendprogramm. Und da ist aber der Chefredakteur mit Flake und dem Regisseur in den Puff gegangen. Die haben den in den Puff gezerrt den Chefredakteur. Und dann bei Wein und Titten hat der dann gesagt: „Ach, Dieter, weißt du was, das machen wir.“ Und dann hat der das durchgesetzt, dass der Film dann doch gesendet wird. Weil in jener Zeit war ja doch eher gewöhnlich, wenn man denn schon Bekloppte zeigt, gibt es pausenlos einen Moderator, der sagt „Und jetzt sagt Bekloppter Soundso dies und das. Hören Sie sich das mal an. Wir wissen alle, dass er bekloppt ist, aber er soll es mal sagen vor der Kamera.“ Also es wurde ja immer eingeleitet, anmoderiert, untertitelt, wenn es denn irgend einer geschafft hatte vor die Kamera. Bei dem Film gibt es das nicht, auch hübsch war, die haben dem Film eine Ansagerin vorneweggeschickt, die uns als junge Leute bezeichnet, die ja noch auf dem Weg sind und noch suchen. Was so falsch nicht war, aber wie die das gesagt hat, das werde ich nie vergessen. Also die saß in so einem komischen Abendkleid und versuchte das so entschuldigend rüber zu bringen. Aber dann kamen sie auch schon gleich, die Aljoschas und die Drogenverpeilten und nach zehn Minuten hast du eben diesen Co-Kontext nicht mehr gehabt, der da sagt: „Hallo, das sind Verrückte“, sondern die durften sich ganz normal äußern vor der Kamera. Und das hatte schon Kraft. Und im Gegenteil zu Teil 1, der ja immer wieder gezeigt wird, zum Tag der Einheit, wo der hervorgeholt wird, ist der nie wieder gesendet worden.
R: Das heißt, zu der Zeit muss ja auch ein wahnsinniger Ekel bei dir eingesetzt haben, gegenüber den Medien.
K: Mmmh. Ja, also auch sicher in einer Wechselbeziehung... Dass ich nachvollziehen konnte, wie das System funktioniert. Dann sind eher Zufallstreffer, wenn man mal durchkommt, wie bei der Geschichte mit TV Berlin. Das ist dann schon als Struktur von sich aus, wie das Foucault beschreiben würde, so beschaffen, also ohne, dass sich das jemand ausdenkt. Hirarchisch ausdenkt und das allen sagt: „Ihr dürft solche Leute nicht nehmen. Habt ihr das verstanden? Und die sehen so und so aus und sagen so und so was. Ja, immer vergleichen mit meinen Aussagen...“ Das ist ja überhaupt nicht nötig, weil die Struktur von sich aus so wächst. Und die entsprechenden Leute in die Position spült und dort auch belässt oder notfalls rausdrängt.
R: So eine Position vom Denken hat sich ja bestimmt auch nicht verändert, weil sich so eine Position ja bestätigt hat?
K: Diese Position hat sich dann bestätigt. Und zum einen gab es sicher auch Resignation, also wie das stattfindet. Zum anderen gab es doch aber auch starken Kraftzuwachs, indem was man noch herausgefunden hat. Bei dem wie auch immer frei gewählten Studium. Was für Ergebnisse es doch immer wieder geschaffen hat. Also wir haben auch viele verrückte Performances gemacht. Teilweise grausame Performances, wo wir Leute reingelegt haben. Deutsche Volkslieder zu singen und unten drunter die Schienengeräusche von Treblinka und Sobibor. Wo das ganze Publikum sang: „Hoch auf dem gelben Wagen“ und zum Schluß wurde denen das verklickert. Oder wo wir mit falschen Doktoren gearbeitet haben, die angeblich Fontanelle-Forschung machen, die aber KZ-Bilder waren. Wo wir Bilder gezeigt haben, das war die Klinik dann... Das ging schon sehr in die Frühentwicklung des Industrialkultur...
Das Publikum, was sich nach und nach immer mehr ausdünnte gewann aber auch an Qualität. Dass man mit den Leuten, mit den man dann live zu tun hatte, auch immer sehr regen Austausch hatte und sehr intensive Begegnungen hatte. So dass ich das dann auch nie bereut habe. Denn du hast jeden Abend immer toughe Leute getroffen. Tougher als du sie nie erwarten konntest. Die haben sich dann immer gesammelt. Und du hast irre Nächte gehabt und das war es alle mal wert. Und irgendwann weißt du auch, welche Rolle du hast, also wie klein deine Insel ist. Und kannst das auch akzeptieren, dass das so ist und im Zeitalter der Massenkultur gar nicht anders sein kann. Und du entwickelst dann Überlebenskonzepte, die Saat zu pflegen, die Keimlinge zu beschützen, das über eine Zeit retten, auf ein anderes Ufer bringen. Gralshüter einer eben momentan unbrauchbaren Ideenlandschaft.
R: Welcher Eindruck bleibt von der Russlandtour übrig?
K: Das war dann gerade mit dem Erfahrungshintergrund Ostdeutschland wie ein Nach-Hause-Kommen. Weil dort die Stimmung von 1990 herrschte. Also das Aufbrechen, Hervorkommen. Meines Erachtens noch intensiver, weil die noch wesentlich weiter weg waren von der westlichen Welt. Die wollten dann alles gleichzeitig sein, Nazi, Heavy-Metal-Fan. Die behingen sich mit Insignien verschiedenster Szenen, die vorher nicht möglich waren. Die rannten mit SS-Helmen rum, Iron Maiden Aufnäher auf der Jeansjacke. Irre Leute. Gleichzeitig auch sehr intelligente Leute. Ich habe ein paar Musikerfreunde gehabt, in Sankt Petersburg. Der Fatalismus, die Betrachtung der Welt war uns auch sehr verwandt, im Zusammenhang mit geistigen Getränken. Also auch in der Lebenshaltung, das es unerheblich ist, wie das Volk darbt, auf welcher erbärmlichen Stufe die sich befinden. Russland, vielleicht nach außen hin nicht mehr sichtbar, in Deutschland kaschiert, aber dennoch geistig verarmt. Klar hatten die alle keine Lumpen an, aber die Lumpen sind im Kopf. Viel schlimmer vielleicht als es in Russland jemals war. Zugestellt mit Gebrauchsmüll im Kopf. Unfähig eigene Gedanken zu denken. Ich war später auch noch einmal in Armenien. Das war schon ein starkes Heimatgefühl. Also einer geistigen Heimat.
R: Armenien, da war sicher auch Terterjan sehr wichtig?
K: Ja, das war der Anlass der Reise. Da war Terterjan schon tot. Wir haben ihn in Deutschland kennengelernt.
R: In Wiepersdorf?
K: Ja, während des Stipendiums. Ja, das war dann auch immer die Unfähigkeit von mir solche gegebenen Anlässe oder Chancen, die von offizieller Seite kamen, als Handreichung würdigend anzunehmen. Also in Wipersdorf habe ich überhaupt nichts geschrieben. Auch da wurde nur getrunken und viel Unsinn gemacht.
R: Aber trotzdem hast du ja aus den Begegnungen mit Terterjan viel gezogen?
K: Das war das Wichtigste, den da zu treffen.
R: Beschreib doch mal die Begegnung, was war das für ein Mensch? Welchen Einfluss, welche Wirkung hat er auf dich gehabt?
K: Der war schon rein physisch und in seiner Motorik in einer anderen Zeit. Als ich den sah, das war als ich ankam, da stand er vor einem flachen Gebäude, einem alten Pferdestall, wo die einzelnen Wohnungen drin sind. Und er stand davor, wie er oft stand, in einem schwarzen Kimono-ähnlichen Umhang, die Hände auf dem Rücken verschränkt und blickte einfach nur in die Runde. Also dieser Hofanlage, Parkanlage. Und später, als er sich bewegte, sah man, das er in einem Tempo lief, was ungefähr viermal so langsam war, wie in dem Tempo, in dem man sich selbst bewegte. Dies aber in einer unglaublichen Ebenmäßigkeit. In einem Gleichmut, wie es Siddharta beschreibt, als er zum ersten Mal Buddha sieht. Völlig in sich, dem Planeten..., in sich gekehrt und trotzdem schauend. Das war augenfällig von der ersten Sekunde an. Und dennoch eine verschmitzte Offenheit, zu sehen, wer kommt da... So eine natürliche „Ich will mich
mal bekanntmachen.“ Der kommt jetzt hier an. Und der kam auch gleich und sagte „Guten Tag“ und watschelte wieder davon.
Ich war ja mit auspacken beschäftigt und dachte, in der ersten Woche muss ich erst einmal nicht da sein und flog gleich wieder ab. Ich hatte nur meine Anmeldung gemacht. Aber das ist eigentlich ein Aufenthaltsstipendium. Du musst eigentlich jeden Tag da sein. Ansonsten musst du eine Entschuldigung schreiben und Begründungsanträge, was du denn da draußen vorhast in der großen weiten Welt. Und wir sind dann jetzt hier nicht vor Ort. Und dann kam ich aber doch nach einer Woche, war noch bei den Dreharbeiten von „Flüstern & Schreien 2“. Ich war von den drei Monaten nur 1 1⁄2 Monate da. Wir waren in Russland, in Frankreich, in Irland... Und das wurde mir natürlich schwer übel genommen von der Hausleitung, dass ich das Geschenk quasi nicht richtig annehme. Aber ich fand es so furchtbar, dieses Gefangenlager, wo alle sich zum Essen treffen. Und dann geht jeder wieder in seine Bude und schreibt irgend etwas. Das erschien mir als völlig künstlich.
Terterjan war da völlig isoliert, der sprach kein Englisch, seine Frau traf später ein, war aber dennoch jemand, der bei diesen Essensgelegenheiten sehr mitteilsam war. War aber niemand des Russischen mächtig. Auch mein Russisch und Kais Russisch war völlig miserabel. Da war am laufenden Zustand auch nicht viel zu machen außer „Guten Tag“ und „Wie geht`s?“. Aber wir haben uns dann doch immer bei Terterjan hingesetzt und wir hatten sehr schnell eine sehr herzliche Ebene und dann über Hand und Fuß auch Banalitäten einfach gewechselt, die uns alsbald auch zu einem Bedürfnis wurden. Weil es auch dieses Treffen mit einer anderen Welt, einer anderen Zeit war. Und dann alsbald fing er an uns Sinfonien vorzustellen. Auch immer nach Wunsch, weil wir ihn bedrängelt hatten nach einer Weile. Und dabei war er dann noch einmal wie verwandelt, indem er uns ganz klar und präzise, soweit das möglich war, was wir verstehen konnten, erklärte, worum es in der Musik geht. Und die Musik war ohnehin etwas, was mich sofort ganz nackt berührte. Und er hat das noch immer so geteacht: „Frrrage!“ Also ein paar deutsche Worte hat er inzwischen drauf gehabt. Da war plötzlich eine offene Spannung nach einem furchtbaren Desasterklang, so ein offener Akkord... „Frrrage, Frrrage.“ Also er wollte damit sagen, dass dieser Akkord nach etwas fragt. Was ist geschehen, wer bin ich? Und das hat er dann einfach nur mit diesem Wort ohnehin sehr deutlich gemacht.
Ja, und so haben wir dann eine sehr gute Zeit gehabt. Für ihn aber letztendlich auch schwierig, er kam aus dem Bürgerkrieg aus Armenien und wollte eigentlich seine 9. Sinfonie da schreiben und hat in dem Gefangenenlager die komplette Sinfonie vergessen. Man muss sich vorstellen, dass er die kompletten Sinfonien in sich hat und dann einfach runterschreibt. Und die 9. Sinfonie war da, in ihm. Er brauchte kein Klavier oder irgend etwas zum komponieren, der konnte das so. Der musste nur die Antennen draußen haben. Der lebte ja als Eremit fast, 30 Jahre am Sewansee und kam nur hin und wieder nach Eriwan, wo seine Frau lebte, die ihn in den 30 Jahren in der Summe nur sechs Jahre gesehen hat. Den sie aber dennoch über alles liebte und auch überhaupt nicht kritisierte. Die das alles mitmachte.
Ja, in Wiepersdorf ist die 9. Sinfonie dieses großen Komponisten begraben worden. Da hat er sie schlicht und einfach vergessen, im Tet-a-Tet der Stipendiaten. Also die ihn auch alle gemieden haben. So kompliziert mit einem Russen. Der kann nicht Englisch, der kann nicht Deutsch. Was soll man mit dem jetzt bereden. Auf hochintellektuellem Niveau sich Feinheiten und Spitzfindigkeiten den lieben langen Tag austauschen und hier ein Anekdötchen und hier eine Replik...
Da gab es auch zwei, drei interessante Leute, ohne Frage. Interessante Historiker. Aber die meisten dann doch Stipendiengangster, wie ich sie gerne bezeichne. Die wenigstens ein Drittel der Zeit verwenden um die nächsten Stipendien zu bewerben und beantragen. Ansonsten wie fleißige Bienchen ihre Zeit wahrnehmen. Also gleichgültig gegenüber Impression und Intonation.
Die Komponistenkollegen haben ihm bestimmt am meisten zugesetzt, die dummerweise in dem Jahrgang komplett aus Konstruktivisten bestanden. Das heißt Arithmetikern, Mathematikern, die irgendwelche Zahlenspiele anstellen, völlig gleichgültig, was zum Schluß nun heraus kommt. Die Zahlensinfonie ist entscheidend.
Ich habe den einen mal gefragt: „Hörst du das, was du hier so schreibst?“ Der hatte immer so Zahlen vor sich liegen. Da kam dann zum Schluß die 8 raus und die achte Note war dann ein b ..-. „Hörst du das, so innerlich?“ „Nö, das höre ich ja dann, wenn es aufgeführt wird.“ Ein Denkansatz, der für ihn unmöglich ist, für Terterjan.
Und dann kam dazu, dass er die Schlacht mit Sony begann. Und der Westen in seinen Augen, eine im Ganzen gottlose und unwürdige Kreatur ist. Eine Krake, mit der er nicht mehr kämpfen kann. Er hat die ganzen Kommunisten überlebt und den ganzen Formalismus aber mit der Krake wollte er es auch einfach nicht mehr aufnehmen. Also er war damals schon ein bißchen krank, teilweise auch schwerer, als ich zu der Zeit wusste. Er sollte eigentlich hier in einer Parallelstraße ein DAAD-Stipendium bekommen, hat die Wohnung auch schon in Augenschein genommen. Aber er ist dann ganz schnell und unerwartet verstorben. Ganz, ganz schnell und unerwartet für uns alle. Das war dann auch wie ein Menetekel, wie eine Aussage.
Daraufhin sind wir dann nach Armenien gefahren um Irina, die Witwe, zu treffen um mit ihr Dinge zu besprechen, was wir in Deutschland vielleicht möglich machen könnten, dass wenigstens etwas im Gang bleibt oder in Gang kommt. Dass... späte Früchte, aber dennoch wenigstens etwas trägt. Es gibt im März eine Opernpremiere in München ... Er hat einen deutschen Verlag.
Ich habe dann auch nicht mehr die Kraft gehabt, wie Kai meinethalben, da dran zu bleiben. Andere Sachen wurden dringlicher. Ich bin dann auch nicht gewohnt mich längere Zeit dem Werk eines anderen zu verschreiben. Also ich habe sicherlich keine Gelegenheit ausgelassen um ihn bekannt zu machen aber konnte das dennoch nicht so tun, dass ich dem richtig viel Zeit widme. Ich habe das dann auch einschränken müssen. Aber es ist schon eine Initalberührung für mich gewesen. Für meine spätere Arbeit ohnehin.
R: Er sagt doch, es geht um den Ton, der alles enthält. Ist das ein Zitat, das du übersetzt hast?
K: Möglicherweise habe ich das nur übertragen. Also für ihn ist Tonalität, sicher auch in der armenischen Tradition, etwas, was sich nicht in Harmonien ausdrückt. Sondern das, was er als Musik substituiert hat, ist etwas, was sich in unendliche Unterschwingungen aufspalten kann. Etwas, was sich nicht als feste Klangfolge manifestiert, als Zwölftonaltität oder wie auch immer. Das ist die Unendlichkeit. Das ist die Präferenz. Und die Möglichkeit die Unendlichkeit darzustellen, ist zum einen eine ganz starke Unterwerfung und ein Warten... ist schon ein „in-die-Wüste-gehen“, ein Devotismus um wirklich die Schwingungen der Welt aufzunehmen, einer sehr ernsten Haltung und auch ein Rüstzeug. Also nicht ein Hinauslaufen und warten bis der Blitz schlägt, sondern man muss unterwegs sich unablässig bilden, lernen, von anderen aufnehmen, alles wahrnehmen um dann auch umsetzen zu können, letztendlich, was jeder empfängt. Und das jeder auf seiner Ebene, an seinem Platz, wie auch immer. Bereit sein. Und dafür bot der Westen überhaupt keine Spielfläche. Also 30 Jahre sitzen und sieben, acht Sinfonien zu schreiben. Da hat der seine Stipendiensysteme dazu und Künstlergefängnisse, sein Künstlerlager.
R: Zu der Zeit war die „Anschlag“-Tour“, 95.
K: Ja, stimmt, die kam dann auch noch rein. Und ich habe der Hotelleitung in Wiepersdorf erklärt, dass die ersten Chorproben für die Oper, wir waren ja wegen der Oper eingeladen, stattfinden und ich schon ein paar Musiker mit ranhole und die bräuchten auch Quartier und wir bräuchten ein Probenraum. Das war aber die Gruppe Sandow, die da kam um die „Anschlag“-Tour zu proben. Was auch leicht verheerend war, weil die Gruppe Sandow ja doch arg gefeiert hat in den alten barocken Räumen. Aber so spielte das eben auch mit rein, dass wir zum Teil echte Lieblinge waren, weil Teile der Hotelleitung wollte noch erzählen, wie verrückt und schön das war, aber Teile eben alles getan haben, das wir so schnell wie möglich wieder verschwinden. Wir haben auch die Moral wehrkraftzersetzt, also der Intelligenzia, die anfing zu saufen und nicht mehr an den Schreibtisch zurückkehrte.
R: Bei der „Anschlag“-Tour habt ihr eine Vorband dabei gehabt, das war Rammstein...
K: Ja, ich glaube, fünf Konzerte oder so.
R: Die sahen ja so ein bißchen aus wie die kleinen Sandows. Das Martialische, das Kraftvolle von Sandow; ein bißchen auf einer anderen Ebene...
K: Also den Eindruck hatte ich eigentlich nie. Mir hat das mal eine Freundin vorgespielt, bevor das dazu kam...
R: Ich meine mehr vom Optischen.
K: Vom Optischen... Ach so, das habe ich damals nie so betrachtet. Also ich fand das schon in der Figur des Sängers sehr eigenständig und sehr angenehm gewalttätig. Derzeit hat er ja noch viel über das Nichtbewegen gemacht. Am Anfang des Konzertes jeweils, einfach nur dastehen, Hände auf dem Rücken, die Schweißerbrille auf und den Text singen. Was für mich eine enorme Wirkung hatte. In der Mitte des Konzertes hat er sich dann so ein Zöpfchen geflochten und flippte dann über die Bühne. Das fand ich dann immer schade.
Und wir waren auch ganz nett befreundet, in der Zeit. Und ich dachte immer, dass müsse noch weiter gehen. Ich fand immer die Bühnenshow, die haben ja bloß immer eine halbe Stunde gespielt, das fand ich immer sehr überzeugend, sehr kompakt. Die Attitüde, für mich nicht wichtig oder für mich nicht interessant, aber für das was sie gemacht haben fand ich das richtig und fand das gut. Sehr straff. Die Interviews, die sie in der Zeit aber gegeben haben, fand ich immer total schlapp. Und ich dachte immer, das wäre vielleicht ein Job für dich: Interviewmanager für die. Die müssten eigentlich organisiert sein wie Laibach. Denn die Kunstkomponente fand ich immer unterfordert bei ihnen. Dass das total in den Mainstream geht wusste ich damals nicht. Ich hatte ja auch immer so ein Sendungsbewusstsein, andere Leute von meinem Zeug zu überzeugen. So fällt mir ein, dass ich Lindemann auch einmal, als ich „Mein Kampf“ gelesen hatte, dringend empfahl „Mein Kampf“ zu lesen, da könne er viel lernen, wie man Intefviews sinnvoll gestaltet. Ich glaube, er hat das nicht gemacht. Er ist ja kein Blödmann, in dem Sinne, dass er doch so etwas übernimmt. Das war auch eher polemisch gemeint. Aber ich habe immer gedacht, man müsse das so aufziehen wie „Sieg unter der Sonne“. Das muss richtig organisiert sein. Der ganze Schock mit „ein Kind brennt.“
R: Können wir mal ein Stück vorspringen, weil bei der Veranstaltung „Pop will eat itself“ bei der Riefenstahl-Ausstellung in Potsdam hast du die Diskussion moderiert...
K: Im weitesten Sinne. (Lachen)
R: ...und da ging es auch um Rammstein. Ulf Poschard hat ja Rammstein als Rechtsradikale aus den neuen Bundesländern bezeichnet und ist damit ja auch am Publikum gescheitert, weil die die Geschichte dahinter kannten, also die Ursprünge von Feeling B, die Poschard gar nichts sagten. Aber danach hattest du auch kurzzeitig schlechte Presse, in der Jungle-World zum Beispiel. Wie hast du die Zeit erlebt?
K: Also wirklich immer aus Distanz, in der Zeit schon. Aus einer Distanz, die mir immer gesagt hat, dass es völlig gleichgültig ist, wie die über dich berichten. Wenigstens berichten sie noch. Und dafür hatte ich auch eher so einen hausgemachten Witz, so wie die linke Kampfpresse ereifert sich. Da habe ich mir wirklich keine Sorgen gemacht. Also eher fand ich schön, dass sich dann „Spiegel-TV“ angesagt hatte bei einem Konzert, weil die dachten, da ist was zu holen. Das ist irgendwie ein schräger Vogel, der auf der rechten Schiene fährt. Und sich aber dann doch informiert hatten und am Abend vor dem Konzert in der Volksbühne abgesagt haben. Als sie gemerkt haben, das ist gar nicht so einer, wie uns die linke Hetzpresse hier verkauft hat.
Also das Unglück an dem Abend bestand darin, dass ich den nicht leiden konnte und dem ging zuvor, dass er mich nicht leiden konnte, Poschard. Und ich bin nicht als Moderator geeignet. Also ich muss immer meine eigene Meinung offenbaren, an den Mann bringen und bin da in Clinch mit dem Mann geraten. Meine Meinung gegen seine Meinung... Und ich fand den... Das war ein unglaublich eitler, eitler selbstgefälliger Journalist, der dort im Osten dozieren wollte, was der Osten ohnehin besser wusste. Und wer sein Maul anders aufmachte, der wurde von ihm gleich in Sippenhaft genommen, doch im rechten Lager zu schwimmen. Das war für taz und Jungle-World ein gefundenes Fressen, verständlich. Also ich habe das dann auch provoziert, bestimmt.
R: Das war ja die Zeit von „Stachelhaut“, fünf Jahre nach dem „Anschlag“-Album, dazwischen gab es eine EP...
K: Fünf Jahre... doch tatsächlich.
R: Was ist so in der Zeit dazwischen passiert? Was ist mit Sandow passiert?
K: Da gab es jedenfalls, glaube ich, 1 1⁄2 Jahre Auszeit, wo ich die Oper geschrieben habe. Wir hatten Hörspielprojekte, „Thors Hammer“, Theatermusik. Und wir hatten vor allem kein Plattenlabel. Das kam auch als zeitverschärfend hinzu. Weil die „Stachelhaut“ war schon eher fertig, wenigstens schon zum Zeitpunkt der „Born“...
R: Sollte da aber „Zona“ heißen, oder?
K: Ja, im Arbeitsstadium.
R: Welchen Einfluss hatte denn Tarkowskijs „Stalker“, also mal abgesehen davon, dass ihm ein Album gewidmet ist.
K: Enormen, also das grenzt an Besessenheit. Das Album ist ohne den Film undenkbar. Es gibt noch zwei, drei andere Einflüsse, die da hinein kommen. Auf jeden Fall ist das Reinhold Messner, was in der Zeit beginnt an Besessenheit, also was ich heute noch pflege, was sich noch nicht ganz ausgetragen hat. Das fängt an sich anzubahnen, das sich das in Arbeit umsetzt. Und „Stalker“ hat für mich biblische Offenbarung. War so in mein Leben getreten, dass der Film auf Endlosschleife am Videorecorder gestellt unablässig lief, ob ich schlief, was ich auch immer machte. Also ich lebte mit dem Film. Dann kam dazu dass meine Freundin in der Zeit ein Referat über den Film an der Humboldt-Universität auszuarbeiten hatte. Da habe ich auch viel mitgemacht. Das war interessant, den Film unter solchen Studienbedingungen zu betrachten. Und unter dem Romantik-Aspekt zu forschen, was da so drin versteckt ist, semiotisch auch. Und so wurde das zu einem kunvulsivischen Mischmasch, woraus langsam die Musik, die teilweise schon da war, vielleicht zwei, drei Stücken, die fielen alle in diesen Bann hinein. Recht zwanghaft alles. Es musste diese Reise geben. Unmöglich das zu erzählen. Man kann das nur anlehnen, in der Hoffnung, dass das irgendwie geteilt wird. Und so weit wie möglich zu transformieren, innerhalb der anderen Einflüsse. Und gerade durch die Reduktion, dass man auf vielleicht 500 Worte zurück geworfen ist, die man erzählen kann innerhalb so einer Platte und das Instrumentarium, was einem geboten ist. Dessen Verfügung man auch nur halbwegs beherrscht. Also eigentlich auch eine Überhebung, die letzendlich auch nur möglich ist durch eine gewisse Manie, das zu erzählen. Durch ein gewisses Unverständlichsein. Also wenn man die Scheibe hört ohne diesen Bezug zu haben, ohne einen inneren Bezug zu haben, dann wird es glaube ich ganz schwer, damit was anzufangen. Obwohl ich die Scheibe Chris Witley vorgespielt habe, der das instinktiv für sich erkannt hat, worum es geht. Nämlich um den furchtbaren Kampf eines einzelnen mit sich selbst, was als mögliche Quintessenz heraus ragt.
R: Der Kampf mit sich selbst manifestiert sich ja vielleicht in diesem seherischen Moment: Lied 9 „Für immer“, dann folgt „Stille“ und dann kommt es zur Auflösung von Sandow nach 17 Jahren.
K: Ja, das finde ich auch ganz wunderbar.